{"id":2503,"date":"2022-04-10T18:53:47","date_gmt":"2022-04-10T16:53:47","guid":{"rendered":"https:\/\/austrianoccupationalscience.com\/?p=2503"},"modified":"2024-02-09T17:50:49","modified_gmt":"2024-02-09T16:50:49","slug":"occupational-science-im-praxisalltag-von-ergotherapeutinnen-im-fachbereich-paediatrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/austrianoccupationalscience.com\/en\/occupational-science-im-praxisalltag-von-ergotherapeutinnen-im-fachbereich-paediatrie\/","title":{"rendered":"Occupational Science within everyday pediatric occupational therapy practice (german)"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-7387b849 wp-block-columns-is-layout-flex\" style=\"font-size:13px\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hannes Au\u00dfermaier, Magdalena Schl\u00f6gl, Katrin Pechst\u00e4dt, Katharina Fechner<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\"><div class=\"has-text-align-right wp-block-post-date\"><time datetime=\"2022-04-10T18:53:47+02:00\">10. April 2022<\/time><\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser AOS-Jahr 2022 begannen wir mit den J\u00fcngsten, den Kindern! Unter anderem mit Paul, Martina und Lukas. Drei Kinder, die aus ganz unterschiedlichen Gr\u00fcnden Einschr\u00e4nkungen in ihren bedeutungsvollen Bet\u00e4tigungen erleben.&nbsp; Hannes Au\u00dfermaier, MSc zeigte auf unseren Social-Media- Kan\u00e4len, welchen Wert die Handlungswissenschaft f\u00fcr die Ergotherapie mit sich bringt, indem er OS-Begriffe f\u00fcr Euch anhand von Beispielen aus der p\u00e4diatrischen Praxis versteh- und erlebbar machte!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-cover aligncenter is-light has-parallax coblocks-animate\" style=\"min-height:250px;aspect-ratio:unset;\" data-coblocks-animation=\"fadeIn\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\"><\/span><div class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-2518 has-parallax\" style=\"background-position:50% 50%;background-image:url(https:\/\/austrianoccupationalscience.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/crop-0-0-1080-1080-0-Blogbeitrag_Occupational-Science-im-Praxisalltag-von-ETs-in-der-Paediatrie.png)\"><\/div><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-large-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Zu Beginn ist da Paul.<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Beginn ist da Paul. Der 6-J\u00e4hrige turnt und l\u00e4uft gerne in der Wohnung herum, klettert auf St\u00fchle und springt von der Couch. Den Nachbarn im Haus gef\u00e4llt das gar nicht und seine Eltern versuchen ihn daher so gut es geht mit dem Tablet ruhig zu besch\u00e4ftigen, damit Paul den Hausfrieden nicht st\u00f6rt. Klingt doch nach einer L\u00f6sung, denkst du? Vielleicht, solange es eine Ausnahme bleibt. Nicht, wenn man bedenkt, dass der Bub mehrere Stunden des Tages vor dem Tablet verbringt und eben nicht h\u00fcpft, l\u00e4uft und turnt \u2013 das, was f\u00fcr ihn eigentlich bedeutungsvoll w\u00e4re. In der Occupational Science spricht man in diesem Fall von <strong>Bet\u00e4tigungsdeprivation<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u201eMit Bet\u00e4tigungsdeprivation (<em>occupational deprivation<\/em>) bezeichnet Whiteford (2000, 2004, 2011) den Zustand einer Person oder einer Gruppe von Personen, die aufgrund von \u00e4u\u00dferen Einschr\u00e4nkungen nicht in der Lage sind, das zu tun, was f\u00fcr sie und ihr Leben notwendig, bedeutungsvoll oder sinnstiftend ist. Es ist ein Zustand, in dem die M\u00f6glichkeit, Bet\u00e4tigungen, die soziale, kulturelle und pers\u00f6nliche Relevanz haben, durchzuf\u00fchren, erschwert oder sogar verunm\u00f6glicht wird (vgl. Wilcock 2006).\u201c<\/p>\n<cite>Costa, Pasqualoni &amp; Wetzelsberger, 2016 S. 4<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Ergotherapeut:innen richten wir unseren Blick genau auf diese Bet\u00e4tigungsdeprivation. Wir wissen, welchen Wert bedeutungsvolles Spiel f\u00fcr Paul hat und wissen welche langfristigen Folgen die Einschr\u00e4nkung f\u00fcr Paul haben kann. Als Gesundheitsf\u00fcrsprecher:innen kl\u00e4ren wir dar\u00fcber auf und erarbeiten gemeinsam mit Paul, seinen Eltern und den Nachbarn Strategien, die sinnvoll und umsetzbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gut zu wissen: auch die UN-Kinderrechtskonvention (1989) besagt im Artikel 31, dass jedes Kind ein Recht auf Freizeit und Spiel hat. Es ist also sowohl aus handlungswissenschaftlicher wie auch aus kinderrechtlicher Perspektive nicht empfehlenswert, Paul vom Spielen abzuhalten. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-cover aligncenter is-light has-parallax coblocks-animate\" style=\"min-height:250px;aspect-ratio:unset;\" data-coblocks-animation=\"fadeIn\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\"><\/span><div class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-2513 has-parallax\" style=\"background-position:50% 50%;background-image:url(https:\/\/austrianoccupationalscience.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Blogbeitrag_Occupational-Science-im-Praxisalltag-von-ETs-in-der-Paediatrie.png)\"><\/div><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-large-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Szenenwechsel<\/strong>.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Szenenwechsel. Manchen von euch ist die Situation von Martina vielleicht bekannt: die 7-j\u00e4hrige besucht die 2. Klasse Volksschule und eine Klassenkameradin feiert Geburtstag. Viele Kinder erhalten eine Einladung zur anstehenden Geburtstagsfeier, Martina aber leider nicht. Das M\u00e4dchen wird aufgrund ihrer Herkunft \u2013 Martina und ihre Familie haben einen Migrationshintergrund \u2013 nicht zu der gro\u00dfen Party eingeladen. Sie leidet unter <strong>Bet\u00e4tigungsmarginalisierung<\/strong> (<em>occupational marginalization<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Bet\u00e4tigungsmarginalisierung (lateinisch \u201emargo\u201c = \u201eRand\u201c) bezeichnet in der Handlungswissenschaft das Ausschlie\u00dfen von Personen und Gruppen, von f\u00fcr sie oder f\u00fcr die Gesellschaft bedeutungsvollen Bet\u00e4tigungen und somit eine Verhinderung der Teilhabe am \u00f6ffentlichen Leben.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bedeutet das f\u00fcr Martina? Das M\u00e4dchen wird von einem bedeutungsvollen sozialen Ereignis innerhalb ihres Klassenverbandes ausgeschlossen. Sie wird aufgrund ihrer nationalen, ethischen und\/oder sozialen Herkunft \u201ean den Rand gedr\u00e4ngt\u201c und an der Teilhabe gehindert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bezogen auf die Ergotherapie mit Kindern und Jugendlichen ist das Konzept der Bet\u00e4tigungsmarginalisierung nicht nur im individuellen Alltag des Kindes, sondern auch im Therapieprozess besonders wichtig. Bet\u00e4tigungsmarginalisierung liegt n\u00e4mlich auch vor, wenn Kinder in gewisse Entscheidungsprozesse nicht eingebunden werden. Denkt man an die Vereinbarung und Planung von Therapiezielen, ist es also nicht nur im Hinblick auf den zu erwartenden besseren Therapieerfolg, sondern auch im Sinne der Teilhabe, sinnvoll und richtig, Kinder in Entscheidungsprozesse aktiv einzubeziehen und ihnen eine Stimme zu geben. Die Ber\u00fccksichtigung des Kindeswillens ist in den UN-Konventionen (UN, 1989) unter Artikel 12 festgeschrieben. Dieser berechtigt Kinder ihre Meinung in der Therapie frei zu \u00e4u\u00dfern und verpflichtet Ergotherapeut:innen angemessen und entsprechend dem Alter und der Reife des Kindes diese zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDiese Form der Marginalisierung bleibt nicht selten unter der Wahrnehmungsschwelle der Betroffenen, ebenso wie jener, f\u00fcr die Mitsprache ein selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil des Alltags ist. Sie beruht letztlich auf Normerwartungen, die den Rahmen vorgeben, in welcher Angelegenheit wem, wann und wo legitime Mitspracherechte zugestanden werden und wem nicht (Townsend\/Wilcock 2004, 81).\u201c (Costa, Pasqualoni &amp; Wetzelsberger, 2016 S. 3).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-cover aligncenter is-light has-parallax coblocks-animate\" style=\"min-height:250px;aspect-ratio:unset;\" data-coblocks-animation=\"fadeIn\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\"><\/span><div class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-2513 has-parallax\" style=\"background-position:50% 50%;background-image:url(https:\/\/austrianoccupationalscience.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Blogbeitrag_Occupational-Science-im-Praxisalltag-von-ETs-in-der-Paediatrie.png)\"><\/div><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-large-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der 4-j\u00e4hrige Jonas<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 4-j\u00e4hrige Lukas steht vor einem anderen \u2013 in Zeiten der COVID-19 Pandemie aber durchaus allt\u00e4glichem \u2013 Problem. Was zun\u00e4chst nicht ungew\u00f6hnlich scheint, weil wir es alle schon einmal erlebt haben, ist aus handlungswissenschaftlicher Sicht durchaus einen tieferen Blick wert. Denn Lukas darf aufgrund eines grippalen Infekts mehrere Tage nicht in den Kindergarten und ist von einer <strong>Bet\u00e4tigungsunterbrechung<\/strong> (<em>occupational disruption<\/em>) betroffen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u201eEs handelt sich hierbei um ein Ph\u00e4nomen, das nicht ungew\u00f6hnlich ist, von vielen Menschen sporadisch erlebt wird und entsprechend gut nachempfunden werden kann. Denken wir beispielsweise an eine Erk\u00e4ltung, an eine Beinverletzung, die wir uns beim Sport zugezogen haben, oder an einen Berufswechsel, der uns den Umzug in ein anderes Land abverlangt: Solche Situationen gehen zweifelsohne mit Einschr\u00e4nkungen einher. Diese Einschr\u00e4nkungen haben jedoch vor\u00fcbergehenden Charakter, ihr Ende ist absehbar\u201c <\/p>\n<cite>Costa, Pasqualoni &amp; Wetzelsberger 2016 S. 4<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bet\u00e4tigungsunterbrechung bezieht sich also zun\u00e4chst auf Lukas selbst. Sein gewohnter Alltag kann tempor\u00e4r nicht fortgesetzt werden. Handlungsroutinen, wie das t\u00e4gliche Spielen mit seinen Freunden, finden nicht statt. Seine Handlungsrolle des Kindergartenkindes kann Lukas vor\u00fcbergehend nicht aus\u00fcben. Auch Lukas Umfeld ist davon betroffen: wer \u00fcbernimmt beispielsweise die Pflege des Kindes? Kann Pflegeurlaub genommen werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In vielen F\u00e4llen sind \u00dcberlegungen wie diese schnell zu l\u00f6sen und es bedarf keiner weiteren Intervention. Als Ergotherapeut:innen und Handlungswissenschaftler:innen sollten wir jedoch bedenken, dass solche Bet\u00e4tigungsunterbrechungen Herausforderungen mit sich bringen k\u00f6nnen, die sich auf die Bet\u00e4tigungsperformanz und Handlungsm\u00f6glichkeiten einer Person und\/oder dessen Umfeld auswirken, wodurchdann eben doch weitere Unterst\u00fctzung notwendig sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei liegt unser Augenmerk auf den bedeutungsvollen Bet\u00e4tigungen, die aufgrund der <em>occupational disruption <\/em>nicht fortgesetzt werden k\u00f6nnen und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Person und sein gesamtes Lebensumfeld gleicherma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ver\u00e4nderungen, die nicht nur das Kind selbst, sondern das ganze System, in dem es lebt, betreffen, k\u00f6nnen auch so genannte <em>occupational transitions<\/em> oder auf Deutsch <strong>Bet\u00e4tigungs\u00fcberg\u00e4nge<\/strong> mit sich bringen. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-cover aligncenter is-light has-parallax coblocks-animate\" style=\"min-height:250px;aspect-ratio:unset;\" data-coblocks-animation=\"fadeIn\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\"><\/span><div class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-2513 has-parallax\" style=\"background-position:50% 50%;background-image:url(https:\/\/austrianoccupationalscience.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Blogbeitrag_Occupational-Science-im-Praxisalltag-von-ETs-in-der-Paediatrie.png)\"><\/div><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-large-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Wie bei Lisa.<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bei Lisa. Das M\u00e4dchen ist 6 Jahre alt und steht kurz vor dem Eintritt in die Schule. Sie freut sich schon sehr darauf, auch wenn das hei\u00dft, dass ab dann der Halbtagskindergarten von Schule und anschlie\u00dfender Nachmittagsbetreuung abgel\u00f6st wird \u2013 definitiv eine Umstellung f\u00fcr die 6-J\u00e4hrige. Lisas Mutter ist daher genauso aufgeregt wie Lisa. Auch, weil sie selbst mit dem Schuleintritt ihrer Tochter wieder einer Vollzeitarbeit nachgehen wird, was durch den Halbtagskindergarten vor Ort zuvor nicht m\u00f6glich war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alltag der beiden wird sich durch die Transition in vielerlei Hinsicht \u00e4ndern. Es kommen neue Rollen auf sie zu, die neue Bet\u00e4tigungen mit sich bringen und auch neue Gewohnheiten und Routinen m\u00fcssen etabliert werden. Sich bei Bet\u00e4tigungs\u00fcberg\u00e4ngen neu zu strukturieren und sich darin zurechtzufinden, ist aufregend und fordert Flexibilit\u00e4t, Kompromissbereitschaft und Ausdauer von allen Beteiligten. Es braucht Zeit, bis der neue Alltag allt\u00e4glich wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bet\u00e4tigungs\u00fcberg\u00e4nge so vorzubereiten und zu begleiten, dass eine gelingende Transition m\u00f6glich ist, sehen wir als Kompetenz der Ergotherapeut:innen und Handlungswissenschaftler:innen. Dabei sollte das gesamte System in den Prozess einbezogen werden. Nicht nur Lisa und ihre Mutter k\u00f6nnen in der Zeit des Schul- und Arbeitseinstieges individuell in ihren Bet\u00e4tigungsanliegen und Bed\u00fcrfnissen unterst\u00fctzt werden, auch mit dem Kindergarten, der Schule und\/oder der Arbeitsstelle k\u00f6nnen L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten erarbeitet und gelingende Bedingungen geschaffen werden, sodass der neue Alltag wieder in Balance ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was es bedeutet, den Alltag in Balance zu halten, wei\u00df auch Katharina. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, berufst\u00e4tig und meistert den gemeinsamen Alltag, der stark von der Arbeit, den Kindern und dem gemeinsamen Familienleben gepr\u00e4gt ist, hervorragend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein typischer Tagesablauf sieht bei ihr ungef\u00e4hr so aus:&nbsp; Katharina geht zur Arbeit, nachdem sie den J\u00fcngeren in den Kindergarten und die Gro\u00dfe in die Schule gebracht hat. Nach der Arbeit holt sie ihre Kinder ab und bringt den Jungen zum Fu\u00dfball. Ihre Tochter besucht eine Freundin und Katharina f\u00e4hrt nach Hause, um die W\u00e4sche zu machen. Nachdem sie die Kinder von deren Freizeitaktivit\u00e4ten wieder abgeholt hat, kocht sie f\u00fcr die Familie und sie essen gemeinsam. Anschlie\u00dfend kontrolliert sie die Schulsachen ihrer Tochter f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag, putzt mit den Kindern die Z\u00e4hne und liest ihnen beim Zubettgehen noch etwas vor. Und dann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor wir die Abendgestaltung von Katharina aufl\u00f6sen, ist es wichtig, sich \u00fcber das Konzept der <em>occupational balance<\/em> (<strong>Bet\u00e4tigungsbalance<\/strong>) Gedanken zu machen. Dieses besagt, dass ein f\u00fcr sich selbst zufriedenstellender und als ausgeglichen erlebter Alltag im Hinblick auf die Lebensbereiche Selbstversorgung, Produktivit\u00e4t, Freizeit und Erholung zur Gesundheit von Menschen beitr\u00e4gt. Eine bet\u00e4tigungsbezogene Unausgewogenheit (<em>occupational imbalance<\/em>) f\u00fchrt im Gegensatz dazu auf Dauer zu einer Beeintr\u00e4chtigung von Gesundheit und Lebensqualit\u00e4t (ENOTHE 2007).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eltern kommen h\u00e4ufig in die Situation, eigene Bet\u00e4tigungsanliegen in den Hintergrund zu stellen, da F\u00fcrsorgeaufgaben und andere Verpflichtungen den Alltag dominieren. Die eigene Bet\u00e4tigungsbalance leidet unter der Handlungsrolle der Mutter oder des Vaters. In der praktischen Arbeit mit Kindern sehen wir Eltern als erweiterte Klient:innen an und behalten auch ihre Befindlichkeit im Blick, um gegebenenfalls beraten und unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du fragst dich jetzt bestimmt, wie Katharina ihren Abend verbringt. Nachdem die Kinder eingeschlafen sind, setzt sie sich ins Wohnzimmer und liest ein Buch. Dabei schl\u00e4ft sie auf dem Sofa ein. Ob sie dadurch eine ausgewogene, zufriedenstellende Bet\u00e4tigungsbalance in ihrem Alltag erlebt oder nicht, ist ohne die subjektive Bewertung von Katharina schwer einzusch\u00e4tzen. Fest steht allerdings, der Alltag ist ein Balanceakt und ab und zu braucht es eine:n Ergotherapeut:in, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Occupational roles<\/em> nennen wir in der Handlungswissenschaft <strong>Handlungsrollen<\/strong>, die eng mit unseren erforderlichen und gew\u00fcnschten Bet\u00e4tigungen verkn\u00fcpft sind. Jeder Mensch hat viele verschiedene Handlungsrollen. Sie k\u00f6nnen sich im Laufe der Zeit ver\u00e4ndern, werden ersetzt, erweitert oder neu interpretiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Katharina steht die Mutterrolle im Vordergrund, aber auch die Rolle der Angestellten oder der Singlefrau beeinflussen ihren Alltag auf unterschiedliche Art und Weise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Kinder nehmen verschiedene Handlungsrollen ein. Welche Rollen sie aus\u00fcben ist stark davon abh\u00e4ngig, in welchem Kontext sie aufwachsen, in welcher Lebenssituation sie sich befinden und welche Handlungsm\u00f6glichkeiten sich f\u00fcr sie in ihrem individuellen Alltag ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter beispielsweise lebt mit seinen Eltern und zwei Geschwistern auf einem Bauernhof am Land. Er k\u00fcmmert sich in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne um die Tiere und trifft sich oft mit Freunden aus der Nachbarschaft zum Spielen. Neben dieser Mitarbeit auf dem Bauernhof muss der 9-J\u00e4hrige selbstverst\u00e4ndlich auch die Schule besuchen \u2013 auch wenn er das nicht besonders gerne macht. Peter ist Sohn, Bruder, Freund, Spielkamerad, Sch\u00fcler, Babysitter f\u00fcr seine kleinere Schwester, Mitarbeiter am Bauernhof und noch vieles mehr!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zusammenhang zwischen Handlungsrollen und Bet\u00e4tigungen ergibt sich dabei aus beiden Richtungen: Handlungsrollen bestimmen das, was wir tun und das, was wir tun, formt unsere Handlungsrollen. Die Bet\u00e4tigungen, mit denen wir unsere Handlungsrollen ausf\u00fcllen, f\u00fchren schlie\u00dflich zu unserer (Handlungs-)Identit\u00e4t (<em>occupational identity<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-cover aligncenter is-light has-parallax coblocks-animate\" style=\"min-height:250px;aspect-ratio:unset;\" data-coblocks-animation=\"fadeIn\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\"><\/span><div class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-2513 has-parallax\" style=\"background-position:50% 50%;background-image:url(https:\/\/austrianoccupationalscience.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Blogbeitrag_Occupational-Science-im-Praxisalltag-von-ETs-in-der-Paediatrie.png)\"><\/div><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-white-color has-text-color has-large-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Franziska<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franziska ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel. Sie ist 12 Jahre alt und geht nach der Schule unheimlich gerne joggen, weil das Laufen sie nach einem anstrengenden Schultag beruhigt. Wenn ihre Laufstrecke sie an den H\u00e4usern der Anwohner:innen vorbeif\u00fchrt, wird sie freudig begr\u00fc\u00dft, obwohl kaum jemand ihren Namen kennt. In der ganzen Nachbarschaft ist sie nur als \u201edie junge Joggerin\u201c bekannt. Franziska macht das nichts aus \u2013 es stimmt ja, sie ist tats\u00e4chlich die einzige junge Joggerin in der Gegend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>occupational identity<\/em> (<strong>Handlungsidentit\u00e4t<\/strong>) gibt uns die M\u00f6glichkeit, uns \u00fcber Bet\u00e4tigung zu definieren und nicht \u00fcber unsere Herkunft, unser Aussehen oder andere Faktoren, die wir nicht beeinflussen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Kinder wie Franziska \u00fcber Bet\u00e4tigungen verschiedene Handlungsrollen einnehmen, haben sie die Chance sich \u00fcber sich selbst bewusst zu werden, ihre Identit\u00e4t zu entwickeln und zu lernen auf sich zu vertrauen \u2013 wichtige Kompetenzen, die sie auf dem Weg zum Erwachsenwerden brauchen. Kindern und Jugendlichen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu erm\u00f6glichen, mit ihnen ihre Handlungsrollen zu entfalten und sie damit beim Aufbau ihrer Handlungsidentit\u00e4t zu unterst\u00fctzen sind wesentliche Bestandteile der p\u00e4diatrischen Ergotherapie.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Beispiele aus der Praxis zeigen eindr\u00fccklich, wie das Wissen aus der Handlungswissenschaft die Ergotherapie bereichert bzw. wie Handlungswissenschaft und Ergotherapie ineinandergreifen, und machen deutlich: sinnstiftende, bedeutungsvolle Handlungen sind ein notwendiger Faktor f\u00fcr Gesundheit und Teilhabe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wann kommst Du mit der Occupational Science in deinem Praxisalltag als Ergotherapeut:in in Ber\u00fchrung? Welche Bedeutung haben OS-Begriffe wie occupational deprivation, occupational marginalization und occupational disruption, in deiner T\u00e4tigkeit als Ergotherapeut:in? Hast Du \u00c4hnliches schon selbst bei Klient:innen erlebt? Was sind Deine Gedanken dazu?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sind gespannt auf den Austausch mit Euch und freuen uns, wenn Ihr Eure Erfahrungen mit uns in den Kommentaren teilt!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">Wenn Du die Geschichten rund um Paul, Martina und Lukas nachlesen und die Diskussion weiterverfolgen m\u00f6chtest, folg uns am besten auch auf unseren Social-Media-Kan\u00e4len<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-coblocks-social wp-block-coblocks-social-profiles is-style-mask has-text-align-center\"><ul><li><a href=\"https:\/\/twitter.com\/AustrianOS\" title=\"Twitter\" class=\"wp-block-button__link wp-block-coblocks-social__button wp-block-coblocks-social__button--twitter has-padding\" style=\"border-radius:40px\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span class=\"wp-block-coblocks-social__icon\" style=\"height:22px;width:22px\"><\/span><span class=\"wp-block-coblocks-social__text\">Twitter<\/span><\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/austrian_os\/?hl=de\" title=\"Instagram\" class=\"wp-block-button__link wp-block-coblocks-social__button wp-block-coblocks-social__button--instagram has-padding\" style=\"border-radius:40px\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span class=\"wp-block-coblocks-social__icon\" style=\"height:22px;width:22px\"><\/span><span class=\"wp-block-coblocks-social__text\">Instagram<\/span><\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/groups\/12461122\/\" title=\"Linkedin\" class=\"wp-block-button__link wp-block-coblocks-social__button wp-block-coblocks-social__button--linkedin has-padding\" style=\"border-radius:40px\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span class=\"wp-block-coblocks-social__icon\" style=\"height:22px;width:22px\"><\/span><span class=\"wp-block-coblocks-social__text\">Linkedin<\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-coblocks-accordion\">\n<div class=\"wp-block-coblocks-accordion-item\"><details><summary class=\"wp-block-coblocks-accordion-item__title\">Quellenangabe<\/summary><div class=\"wp-block-coblocks-accordion-item__content\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christiansen, Charles H.\/Townsend, Elisabeth A. (Hrsg.). (2011). I<em>ntroduction to Occupation. The Art and Science of Living<\/em>. 2. Aufl., New Jersey: Pearson Publications.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Costa U. (2012). Freiheit und Handlung \u2013 Handlungsfreiheit. Eine handlungswissenschaftliche Betrachtung. In: Clemens Sedmak (Hrsg.): <em>Freiheit &#8211; Vom Wert der Autonomie. Grundwerte Europas. <\/em>Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Costa, U., Pasqualoni, P.-P., &amp; Wetzelsberger, B. (2016). <em>Bet\u00e4tigungsgerechtigkeit als Dimension gesundheitlicher Chancengerechtigkeit: Handlungswissenschaftliche Zug\u00e4nge. <\/em>Abgerufen am 03.04.2017 von <a href=\"http:\/\/ffhoarep.fh-ooe.at\/bitstream\/\">http:\/\/ffhoarep.fh-ooe.at\/bitstream\/<\/a> 123456789\/691\/1\/126_350_Costa_FullPaper_dt_Final.pdf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ENOTHE (European Network of Occupational Therapy in Higher Education). (2007). <em>Terminology project.<\/em> <a href=\"http:\/\/pedit.hio.no\/~brian\/enothe\/terminology\/\">http:\/\/pedit.hio.no\/~brian\/enothe\/terminology\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Standnyk, R. L.; Townsend, E. A. &amp; Christiansen, C. H. (2011). Occupational Justice. In: Christiansen, C. H.\/Townsend, E. A. (Hrsg.) (2011): <em>Introduction to Occupation. The Art and Science of Living.<\/em> 2. Aufl., New Jersey: Pearson Publications, 329-358.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Townsend, E., &amp; A. Wilcock, A. (2004). Occupational justice and client-centred practice: a dialogue in progress. <em>Canadian journal of occupational therapy<\/em>, <em>71<\/em>(2), 75-87.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Whiteford, G. E. (2000). Occupational Deprivation: Global Challenge in the New Millennium. In: British <em>Journal of Occupational Therapy, <\/em>63 (5), 200-204.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Whiteford, G. (2011). Occupational Deprivation: Understanding Limited Participation. In: Christiansen, C.\/Townsend, E. (Hrsg.): <em>Introduction to Occupation. The Art and Science of Living.<\/em> New Jersey: Pearson Publications, 303-328<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wilcock, A. A. (2006): <em>An Occupational Perspective of Health<\/em>. 2. Auflage, Thorofare: SLACK Incorporated.<\/p>\n<\/div><\/details><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannes Au\u00dfermaier, Magdalena Schl\u00f6gl, Katrin Pechst\u00e4dt, Katharina Fechner Unser AOS-Jahr 2022 begannen wir mit den J\u00fcngsten, den Kindern! Unter anderem mit Paul, Martina und Lukas. 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