Sustainability, Planetary Health and Occupational Science (german)

2018 hat der Weltverband für Ergotherapeutinnen (WFOT) in dem Projektreport „Nachhaltigkeit ist wichtig: Leitprinzipien für Nachhaltigkeit in der ergotherapeutischen Praxis, Ausbildung und Wissenschaft“ fünf Leitprinzipien dargelegt. Verfasst wurden dieser Projektreport durch Samantha Shann, Moses N. Ikiugu, Ben Whittaker, Nick Pollard, Ida Kåhlin, Mark Hudson, Rushan Galvaan, Sonia Roschnik und Mami Aoyama.

Die Leitprinzipien können hier auch in deutscher Übersetzung gefunden werden: https://wfot.org/resources/wfot-sustainability-guiding-principles.

Nun wird dem, was die Leitprinzipien für die Praxis bedeuten, schon immer mehr Raum geschenkt (z. B. Peterko 2024, Rangnow und Pennerstorfer 2023, Schiller und le Granse 2018, …), aber was bedeutet die Leitprinzipien eigentlich für die Handlungswissenschaft?

Die vom WFOT veröffentlichten Leitprinzipien wurden für uns im 2.Quartal 2024 von Pia Rangnow (BSc Ergotherapie, MSc Environmental Sustainability) mit Blick auf die Rolle der Handlungswissenschaften im Kontext der Planetaren Gesundheit zusammengefasst. Im Folgenden finden sich erste Denkanstöße und Überlegungen für Forschungsprojekte, Ansätze in der Forschung und Möglichkeiten für Handlungswissenschaftler*innen.

Leitprinzip 1: Nachhaltigkeit verstehen – eine ergotherapeutische Perspektive

Aus ergotherapeutischer Perspektive bedeutet Nachhaltigkeit, gesunde und bedeutungsvolle Handlungen auszuwählen und auszuführen, ohne die Ressourcen für die heutige gesamte Weltbevölkerung und zukünftige Generationen zu gefährden.

Der ökologische Fußabdruck der Menschheit, insbesondere der Länder des globalen Nordens, beeinträchtigt die Gesundheit unseres Planeten und somit unserer eigenen Gesundheit. Dies erfordert unter anderem grundlegende Änderungen in unseren Lebensweisen. Ergotherapie kann helfen, Menschen zu unterstützen, die direkt von Umwelt- und Klimakrisen betroffen sind, als auch die allgemeine Bevölkerung dabei zu begleiten, umweltfreundlich und somit gesundheitsschützend zu leben – und das auch mit dem Fokus über den ökologischen Fußabdruck hinaus (Stichwort: ökologischer Handabdruck).

Handlungswissenschaftler*innen sind somit aufgerufen, Methoden zu entwickeln, & zu untersuchen, die helfen zu erarbeiten, wie menschliche Handlungen und Nachhaltigkeit verbunden sind. Hierbei ist wichtig, dieses Wissen anwendungsbezogen aufzubereiten, um Klient*innen und Therapeut*innen zu unterstützen, umweltfreundlichere Handlungslebensstile zu entwickeln.

Reflexionsfragen, welche Handlungswissenschaftler*innen sich zum 1. Leitprinzip stellen können, sind (WFOT, 2018/2023, S. 23):

  • Inwieweit hast Du darüber nachgedacht, Fragen zur Nachhaltigkeit in Bezug auf Handlungsperformanz, Gesundheit und Wohlbefinden in Deine wissenschaftliche Agenda aufzunehmen?
  • Wenn Du das Thema Nachhaltigkeit in Deine wissenschaftliche Agenda aufnehmen würdest, wie würdest Du vorgehen?

Auch für die kommenden 4 Posts soll erwähnt werden, dass Nachhaltigkeit als Begriff in vielen (kürzeren) Gespräche ein schwieriger sein kann – oft ist zunächst unklar, was jede*r von uns darunter genau versteht und meint und oft bleiben Zusammenhänge abstrakt. Hilfreich in vielen Gesprächen kann das Arbeiten mit der Kernbotschaft des Konzepts der Planetare Gesundheit sein: Nur auf einer gesunden Erde können auch wir gesund sein und mehr Gesundheitsgerechtigkeit schaffen!

Leitprinzip 2: Die Rolle der Ergotherapie bei der Verringerung von Umweltschäden und Klimafolgen aufgrund nicht-nachhaltiger Lebensführung

Ergotherapeut*innen und Handlungswissenschaftler*innen können dazu beitragen, Umweltschäden und Klimafolgen nicht-nachhaltiger Lebensführung zu verringern. Nicht-nachhaltige Lebensführung gefährdet durch umweltschädigende Verhaltensweisen und die Anreicherung von Treibhausgasen langfristige die Gesundheit des Planeten & der Menschheit. Handlungswissenschaftler*innen unterstützen die ergotherapeutische Arbeit, indem sie in deren Kontext die Vielschichtigkeit von Nachhaltigkeit erforschen und praktikable Lösungen erarbeiten, beispielsweise …

  • Entwicklung von Kosten-Nutzen-Analysen, um ökologische Vorteile ergotherapeutischer Dienstleistungen zu bewerten und zu optimieren
  • Bereitstellung von Materialien, wie Checklisten, Leitfäden, interaktiver Tools, die Ergotherapeut*innen unterstützen, nachhaltige Praktiken in ihre Therapieansätze zu integrieren
  • Beratung zu spezifisch ergotherapeutischen Nachhaltigkeitsthemen, wie der Einsatz nachhaltiger Materialien und die Reduktion von Abfall
  • Aufbau von Netzwerken, welche Zusammenarbeit und Austausch von Best Practices zwischen Ergotherapeut*innen und Handlungswissenschaftler*innen fördern

Wichtig dabei sind die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit und evidenzbasierte Forschung …

  • von Handlungswissenschaftler*innen mit Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler*innen, um auch interdisziplinäre Ansätze zu entwickeln, die Therapeut*innen helfen, unterschiedlichste Faktoren in ihre Interventionen einfließen zu lassen
  • Entwickelte und bereitgestellte Forschungsergebnisse zu nachhaltigen Praktiken unterstützen Ergotherapeut*innen, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen, die sowohl die Gesundheit der Klient*innen als auch die Umwelt positiv beeinflussen (Stichwort Co-Benefits).

Reflexionsfragen, welche Handlungswissenschaftler*innen sich zum 2. Leitprinzip stellen können, sind (WFOT, 2018/2023, S. 25):

  • Wie kannst Du wissenschaftliche Arbeiten initiieren, die zum Aufbau eines Wissensstands beitragen, wie die menschliche Betätigung genutzt werden kann, um das Problem der Nicht-Nachhaltigkeit zu verringern und das menschliche Wohlergehen zu verbessern?
  • Wie kannst Du wissenschaftliche Prioritäten entwickeln, um Hinweise zu erforschen und Nachweise zu erbringen, die die ergotherapeutische Arbeit bei der Förderung gesunder, nachhaltiger Lebensführung durch Handeln unterstützen?

Leitprinzip 3: Unterstützung der Ergotherapie-Klient*innen bei der Anpassung an die Folgen von Umweltschäden aufgrund von Nicht-Nachhaltigkeit

Ergotherapeut*innen unterstützen Klient*innen bei der Anpassung an die negativen Folgen der Umwelt- und Klimaschäden, die durch nicht-nachhaltige Lebensführung verursacht werden. Diese Schäden umfassen extreme Wetterereignisse, die die menschliche Gesundheit, das Wohlbefinden, sowie Betätigungsroutinen beeinträchtigen, wie durch Infrastrukturschäden, eingeschränkte Nahrungsmittel- und Wasserversorgung oder Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Ergotherapeut*innen erkennen immer mehr die Notwendigkeit, ihre Rolle bei der Anpassung an die Umwelt- und Klimakrise wahrzunehmen und Menschen zu unterstützen, deren Lebensgrundlagen erheblich beeinträchtigt wurden. Ziel ist es, durch ergotherapeutische Interventionen bedeutungsvolle Betätigungen auch unter den sich verschärfenden Bedingungen zu ermöglichen und fördern.

Handlungswissenschaftler*innen sind aufgefordert, effektive betätigungsbasierte Praxismodelle zu entwickeln, die Therapeut*innen nutzen können, um Menschen bei der Anpassung an die Umwelt- und Klimakrise zu unterstützen. Diese Modelle sollten die politischen Aktivitäten des täglichen Lebens (pADL) einbeziehen. Denn pADL‘s können Einzelpersonen und Gemeinschaften befähigen, sich zu organisieren und für einen besseren Zugang zu Ressourcen in der Anpassung einzutreten.

Reflexionsfragen, welche Handlungswissenschaftler*innen sich zum 2. Leitprinzip stellen können, sind (WFOT, 2018/2023, S. 27):

  • Überlege Dir Forschungsfragen, die Deine wissenschaftliche Arbeit lenken können, um zu einem Wissensfundus über die Rolle der Ergotherapie bei der Unterstützung von Menschen in der Anpassung an die negativen Folgen der Klimakrise beizutragen.
  • Diskutiere, wie Du eine Forschungsagenda Schritt für Schritt operationalisieren würden, um diese Fragen zu beantworten.

Leitprinzip 4: Nachhaltigkeit in Gemeinschaften angesichts drohender Umweltkatastrophen

Ergotherapeut*innen sollen befähigt werden, bedeutungsvolle umweltfreundliche Betätigungen in Gemeinschaften zu fördern und dabei Gleichberechtigung und Betätigungsgerechtigkeit zu unterstützen. Soziale Nachhaltigkeit und Betätigungsgerechtigkeit sind verbunden und rücken Gerechtigkeitsfragen in den Vordergrund: so trifft die Klimakrise bestimmte Gemeinschaften unverhältnismäßig stark und schränkt heute und zukünftig Zugang zu bedeutungsvollen Betätigungen ein.

Ein erster Schritt ist die Sensibilisierung von Gemeinschaften für den Zusammenhang von Lebensweisen/Handlungen/Konsumverhalten und Umweltkrise; hierfür können Handlungswissenschaftler*innen Kommunikationsansätze für die Praxis entwickeln und testen.

Überdies können Handlungswissenschaftler*innen Ansätze entwickeln, welche umweltfreundliche Verhaltensweisen, sozialen Zusammenhalt und Selbstwirksamkeit in Gemeinschaften stärken. Gemeinschaften, die sich der Zusammenhänge von Umweltkrise, Gesundheit und Betätigungsungerechtigkeiten bewusst sind, können besser Eigeninitiative ergreifen und Entscheidungen treffen, die die Umwelt positiv beeinflussen. So können umweltfreundliche bedeutungsvolle Betätigungen für mehr Menschen zugänglich werden, was zu gesünderen und widerstandsfähigeren Gemeinschaften führt.

Folgende Reflexionsfrage (siehe Bild) können sich Handlungswissenschaftler*innen sich zum 4. Leitprinzip stellen (WFOT, 2018/2023, S. 29):

  • Wie kannst Du die Aufklärung der Bevölkerung über Nachhaltigkeit und einheitliche Maßnahmen zur Verbesserung des nachhaltigen Betätigungsverhaltens in Dein wissenschaftliches Programm integrieren? Bitte erläutere präzise die Schritte.

Leitprinzip 5: Entwicklung professioneller Kompetenzen, um betätigungsbasierte Interventionen durchzuführen, die sich mit Nachhaltigkeitsproblemen befassen

Die Rolle von Ergotherapeut*innen entwickelt sich stetig weiter, auch um der Gesellschaft bei der Bewältigung von Umwelt-, Gerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsfragen zu helfen. Dieser Wandel erfordert oft neue Kompetenzen und kontinuierliches Lernen, insbesondere im Hinblick auf die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, menschlicher Betätigung und globalen Umweltveränderungen.

Das 5. Leitprinzip fordert Handlungswissenschaftler*innen dazu auf, ihre Forschungsarbeit gezielt auf das Verständnis und die Unterstützung der Wechselbeziehungen zwischen Gesundheit, Betätigung und Umwelt- und Klimakrise auszurichten. Dies bedeutet, zum Beispiel zu erforschen, wie die Umwelt- und Klimakrise, bzw. die ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit, Gesundheit und Teilhabe an bedeutungsvollen Betätigungen beeinflussen.

Für die Fort-, Aus- und vor allem die Weiterbildung können Handlungswissenschaftler*innen Bildungsangebote entwickeln, die Ergotherapeut*innen in ihrer notwendigen Kompetenz(weiter)entwicklung unterstützen. Dies könnte durch die Bereitstellung von evidenzbasierten Schulungsmaterialien, Weiterbildungsprogrammen, praxisorientierten Workshops, interaktiven Seminaren, Fallstudien und Praxisprojekten oder begleitetem Peer-Learning und -Austausch geschehen.

Praxisorientiere Forschung kann zur Entwicklung von evidenzbasierten Methoden, Instrumenten und Verfahren, wie beispielsweise Evaluations- und Interventionsinstrumente beitragen, die Ergotherapeut*innen in die Lage versetzen, betätigungsbasierte umweltfreundliche Interventionen zu planen und durchzuführen.

Eine Reflexionsfrage, welche Handlungswissenschaftler*innen sich zum 5. Leitprinzip stellen können ist (WFOT, 2018/2023, S. 30):

  • Wie könnte die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Teilhabe an bedeutungsvollen Betätigungen, globaler Klimakrise und nachhaltiger Entwicklung in Dein Forschungsprogramm integriert werden?

Wie geht es weiter?

Hier nun die Einladung, diese deutschsprachige Übersetzung und Zusammenfassung der WFOT-Leitprinzipien mit anderen als Gesprächsgrundlage zu nutzen und hier vorhandenen Ideen und Handlungsoptionen für uns und mit anderen weiterzudenken und unsere Überlegungen weiterzuteilen. Beginnen können wir diesen Prozess damit, dass wir uns damit auseinandersetzen, welche Möglichkeiten hat jede*r von uns, eine der Reflexionsfragen zu nutzen, um unsere zukünftige Handlungspraxis dementsprechend neu zu denken? Sowie, wie können wir diese gemeinsam noch einfacher umsetzen?

Quellen

Peterko, Y. (2024). Guiding Principles des WFOT. Ergotherapie. 2024/2. 21-23.

Rangnow, P., & Pennerstorfer, C. (2023). Gesundheit durch Umwelt- und Klimaschutz stärken – Die WFOT-Leitprinzipien „Nachhaltigkeit ist wichtig“. Ergotherapie und Rehabilitation, 62(2), 25–29. https://doi.org/10.2443/skv–2023-51020230203

Schiller, S., le Granse, M. (2018). Neue Wege gehen – Ökologische Nachhaltigkeit – Ergotherapie und Rehabillitation. 57(12), 20-23.

Weltverband der Ergotherapeutinnen (WFOT). Nachhaltigkeit ist wichtig: Leitprinzipien für Nachhaltigkeit in der ergotherapeutischen Praxis, Ausbildung und Wissenschaft (deutsche Übersetzung des Dokuments “Sustainability Matters: Guiding Principles for Sustainability in Occupational Therapy Practice, Education and Scholarship” aus dem Jahr 2018 durch Rangnow P, Dangl H, Roosen I). 2023. https://wfot.org/resources/wfot-sustainability-guiding-principles (09.09.2024)

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