Pia Rangnow
09.04.2025
Was ist eigentlich die planetare Gesundheitskompetenz und welche Rolle spielen die professionelle planetare Gesundheitskompetenz und die organisationale Gesundheitskompetenz für die Ergotherapie und Handlungswissenschaft?
Die folgenden Abschnitte sollen zur Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung einladen.

Was ist die Planetare Gesundheitskompetenz?
Im Zeitalter von (digitalen) Informationsfluten (Eysenbach 2020) und Umweltkrisen (Röckstrom et al. 2023) gewinnt die planetare Gesundheitskompetenz (plGK), konzeptualisiert von Jochem et al. (2023), an Bedeutung. Diese Kompetenz(en) befähigt Individuen, Gesundheitsinfos gezielt zu suchen, zu verstehen und kritisch zu bewerten (ebd.). Um durch diese Entscheidungen zu treffen, die sowohl menschliches Wohlbefinden als auch die Gesundheit des Planeten Erde fördern (ebd.).
Das Konzept der planetaren Gesundheitskompetenz von Jochem et al. (2023) kann neben dem englischen Originalartikel auch im Kapitel 8.1 der Vollversion des WBGU-Gutachtens “Gesund leben auf einer gesunden Erde” nachgelesen werden: https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu/publikationen/hauptgutachten/hg2023/pdf/wbgu_hg2023.pdf ]
Die plGK verknüpft systemisches, gemeinschaftsorientiertes sowie sozioökologisches Denken und motiviert zu kollektivem Handeln in sozialen und ökologischen Herausforderungen (Jochem et al. 2023). Menschen mit ausgeprägter plGK sind befähigt, ihre Gesundheit sowie die der Gemeinschaft zu fördern und dabei die natürlichen Systeme zu berücksichtigen (ebd.). Es handelt sich bei der plGK um Kompetenzen, die wir lebenslang entwickeln können (ebd.).

Die professionelle planetare Gesundheitskompetenz und die Ergotherapie / Handlungswissenschaft
In dem vorherigen Abschnitt ging es um die planetare Gesundheitskompetenz (plGK) – in diesem Abschnitt geht es um die professionelle plGK von Ergotherapeut*innen. Die professionelle GK umfasst die Fähigkeit und Motivation, Gesundheitsinformationen zu verstehen und einzusetzen, z. B. um Klient*innen zu unterstützen (vgl. Messer 2023). Im Kontext der Umwelt- und Klimakrisen kann dies auf Mikroebene heißen, Klient*innen durch die professionelle plGK bei der Anpassung an Umwelt- und Klimaveränderungen zu helfen oder Entscheidungen zu unterstützten, die ihrer Gesundheit und der Umwelt zuträglich sind.
Auf Mesoebene können Therapeut*innen durch die professionelle plGK umweltfreundliche Veränderungen am Arbeitsplatz anzustoßen.
Damit dies Therapeut*innen möglich ist, bedarf es auf Makroebene, durch Berufsverbände und andere Organisationen Unterstützung und die Bereitstellung von Informationen, einschließlich Ethikhandreichungen.
Dabei geht es bei der professionellen plGK nicht darum, planetare Gesundheit in jeder Arbeitssituation zu thematisieren. Ziel ist es vielmehr, die Folgen von Umwelt- und Klimakrisen wo sinnvoll und angemessen im Gesundheitsverständnis mitzudenken (Rangnow et al. 2024, Rangnow 2024).

Die organisationale planetare Gesundheitskompetenz und die Ergotherapie / Handlungswissenschaft
Im letzten Abschnitt ging es um die professionellen planetare Gesundheitskompetenz (plGK) – in diesem Abschnitt geht es um die organisationale plGK. Denn für die planetare Gesundheit ist neben der professionellen plGK vor allem das systemische Agieren im Sinne einer organisationalen GK von Bedeutung (Rangnow 2024).
Die organisationale GK zielt darauf ab, Strukturen zu schaffen, die die Handlungsmöglichkeiten rund um Gesundheit von Mitarbeitenden und weiteren Personen im und um den Organisationskontext fördern (Okan et al. 2024). Dies kann durch die Bereitstellung von Gesundheitsinformationen, aber vor allem durch das Schaffen von Strukturen, die Gesundheit und (pl)GK fördern, entstehen (ebd.).
Im Kontext der planetaren Gesundheit geht es bei der organisationalen plGK darum, durch gezielte Strukturen und Prozesse auch die kollektive Gesundheit zu schützen, indem gesundheits- und umweltsensible Praktiken etabliert und umweltbewusste Entscheidungen unterstützt werden. Eine organisationale plGK kann somit die Strukturen schaffen, die Therapeut*innen ermöglichen, ihre professionelle plGK auszubauen und auszuleben (Rangnow 2024).

Was bedeutet die planetare Gesundheitskompetenz für die Occupational Science?
Es gibt aktuell noch keine Möglichkeit, die in den vorherigen Abschnitten beschriebene professionelle und organisationale plGK zu messen (vgl. Jochem et al. 2023). Die Entwicklung von Fragebögen, wie durch Jochem et al. (2023) vorgeschlagen kann helfen, den aktuellen Stand der plGK von (Ergo)therapeut*innen zu erfassen. Basierend auf dieser Erfassung, aber auch vorab, können zielgerichtete Aus-, Fort- und Weiterbildungen entwickelt werden.
Nach der Erfassung des Standes der plGK von (Ergo)therapeut*innen können die gewonnenen Erkenntnisse auch genutzt werden, um politische Entscheidungsträger*innen davon zu überzeugen, auch die Gesundheitsfachberufe z. B. bei der Ressourcenzuweisung zu berücksichtigen, was ihnen ermöglichen kann, eine Versorgung innerhalb planetarer Belastungsgrenzen (vgl. Baltruks et al. 2022) umzusetzen.
Es braucht inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekte im Kontext von planetarer Gesundheit (vgl. Jochem et al. 2023), in welchen auch das Mitwirken von Handlungswissenschaftler*innen wichtig ist.
Handlungswissenschaftler*innen sind prädestiniert dafür, Gesundheits- und Umweltschutz zu verbinden, da Betätigungen sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben können (vgl. Schmalen et al. 2022, Rangnow 2024).
Quellen
Baltruks, D., Gepp, S., Van De Pas, R., Voss, M. & Wabnitz, K. (2022). Gesundheit innerhalb planetarer Grenzen. https://doi.org/10.5281/ZENODO.6642685
Eysenbach, G. (2020). How to fight an infodemic: The four pillars of infodemic management. J Med Internet Res, 22(6), e21820. https://doi.org/10.2196/21820
Jochem, C., Von Sommoggy, J., Hornidge, A.-K., Schwienhorst-Stich, E.-M., & Apfelbacher, C. (2023). Planetary health literacy: A conceptual model. Frontiers in Public Health, 10, 980779. https://doi.org/10.3389/fpubh.2022.980779
Messer, M. (2023). Professionelle Gesundheitskompetenz. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i162-1.0
Okan, O., Rauschmayr, S., Krudewig, C. (2024). Organisationale Gesundheitskompetenz. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i163-1.0
Rangnow, P., Hartmann, V. & Pennerstorfer, C. (2024). Planetare Gesundheit und Ethik. Et Reha, 63(4), 16-20. https://doi.org/10.2443/skv-s-2024-51020240401
Rangnow, P. (2024). Planetare Gesundheitskompetenz – was bedeutet das Konzept für die Ergotherapie und Occupational Science? ergoscience 19(4), 158-161. doi: 10.2443/skv-s-2024-54020240405
Rockström, J., Gupta, J., Qin, D., Lade, S.J., Abrams, J.F., Andersen, L., Armstrong McKay, D.I. et al. (2023). Safe and just earth system boundaries. Nature, 619, 102-111. https://doi.org/10.1038/s41586-023-06083-8
Schmalen, S., Linkmeyer, J., Rangnow, P., Schewe, I. & Stulz, E. (2022). Den Klimaschutz als Gesundheitsschutz verstehen. Planetary Health in der Ergotherapie. ET Reha 61(8), 12-16.