Begriffe der OS im Kontext von Covid-19

Katrin Pechstädt, Magdalena Schlögl, Miriam Berger, Kristina Weishäupl, Melanie Kriegseisen-Peruzzi, Daniela Schlager-Jaschky

Wenn diese Pandemie auch nur etwas Gutes hat, dann, dass sie gezeigt hat, wie sich Tätigsein und (Nicht-)Tätigsein-Können auf unser Leben auswirken. Die Begriffe, die in den Handlungswissenschaften („Occupational Science“) zuvor diskutiert wurden, waren für alle beobachtbar und erlebbar. Wir haben daher die COVID-19-Pandemie zum Anlass genommen, um Euch die gängigsten Begriffe rund um „Occupational Science“ hier zu erklären. Viel Spaß beim Lesen!

Kochst Du heute Abend selbst oder bestellst Du Pizza? Gehst Du in Deiner Freizeit lieber in die Berge oder in die aktuelle Ausstellung? Arbeitest Du als Ergotherapeut:in angestellt oder freiberuflich? Erholst Du Dich lieber bei Yoga oder mit einem Buch?

Wir sind gewohnt, unsere Handlungen des Alltags prinzipiell selbst zu wählen (Occupational Choice). Selten ist uns dabei bewusst, dass neben intrinsischen Faktoren, wie individuellen Fähigkeiten oder persönlicher Motivation, auch extrinsische Faktoren bei der Wahl unserer Handlungen eine wichtige Rolle spielen. So haben auch sozio-kulturelle, ökonomische und politische Faktoren Einfluss auf unsere Occupational Choices, da diese Faktoren den größeren Rahmen für unsere Wahlmöglichkeiten bilden. Seit Beginn der Pandemie ist dieser Rahmen deutlicher spürbar und beeinflusst maßgeblich, was wir wie, wann, wo und mit wem tun. 

Welchen Einfluss die Umwelt auf unseren Alltag hat, haben bereits ergotherapeutische Modelle wie das OPM (Chapparo & Ranka, 1997) und PEO (Law et al., 1996) ersichtlich gemacht. In OPM wird zwischen sozialer, physischer, sensorischer und kultureller Umwelt unterschieden, während im PEO eine Überschneidung von Person, Umwelt und Betätigung – die sogenannte Betätigungsperformanz, dargestellt wird. Umweltfaktoren – soziale, physische, sensorische, kulturelle Faktoren – beeinflussen unser alltägliches Handeln, unsere Handlungsmöglichkeiten sowie unsere Handlungsrollen und wirken sich dadurch auf unsere Gesundheit, Lebensqualität und unser Wohlbefinden aus. 

Aufgrund der COVID-19-Pandemie veränderten sich für viele beispielweise die Umweltfaktoren hinsichtlich ihrem Arbeitssetting. Menschen, verbringen seither viel Zeit im Homeoffice und haben dadurch anderen Umweltbedingungen, welche sich wiederum auf ihr Handeln auswirken. 

Aber nicht nur die Umweltbedingungen haben sich verändert, sondern auch die Routinen vieler Menschen, die in unserem Leben 4 wichtige Funktionen (Clark, 2000) erfüllen: Einerseits erhöhen sie Deine Handlungsfähigkeit dadurch, dass sie sich mehr auf die Ausführung der Handlung als auf die Handlungsabfolge konzentrieren. Du konzentrierst Dich also mehr darauf, wie Du etwas tust, als darauf, in welcher Reihenfolge welche Handlungsschritte nötig sind. Andererseits sind sie durch die sehr hohe Effizienz in der Durchführung sehr ökonomisch und dadurch weniger anstrengend. Weiter kann man durch das automatisierte Handeln besser auf neue, unvorhersehbare Einflüsse reagieren, die während der Routine auftreten. Generell fordern sie schlicht weniger von Deiner Aufmerksamkeit und damit weniger Energie in der Ausführung einer Handlung

Das ist auch wichtig im Alltag und hier werden wir durch COVID-19 vor besondere Herausforderungen gestellt: Unsere Routinen mussten sich oft verändern. Vielleicht ist deine Morgenroutine die gleiche geblieben, aber deine Arbeitsroutinen haben sich verändert oder genau umgekehrt. Es scheint jedenfalls so, dass es umso schwerer ist, Routinen zu ändern, je mehr Bedeutung wir und unsere Familie dieser Routine beimessen (Segal, 2004).

Entsprechend sind Routinen nicht nur dazu da, dass wir ein Ziel erreichen (Kinder in die Schule schicken oder satt sein nach der Osterjause), sondern sie vermitteln ein Zusammengehörigkeitsgefühl und schaffen damit eine Familienidentität (Segal, 2004). Gerade daher ist es wichtig, jetzt für uns und unsere Klient:innen Routinen so gut es geht zu erhalten oder diese so neu zu organisieren, dass deren identitätsstiftende Bedeutung erhalten bleibt.

Aber nicht nur unsere Routinen wurden durch die Pandemie herausgefordert, auch unsere Betätigungsrollen (Occupational Roles) haben sich verändert. Christiansen und Baum (1997) definierten Occupational roles als eine Reihe von Verhaltensweisen, die eine gesellschaftlich vereinbarte Funktion haben und für die es einen akzeptierten Normenkodex gibt.  Heard (1977) behauptete, dass unsere Occupational roles die täglichen Aktivitäten definieren, ebenso wie unser Gefühl, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und gesellschaftlich wertvoll zu sein.  Daher gewinnen wir durch unsere Occupational roles und das, was wir tun, ein Gefühl für uns selbst und bilden unsere (Handlungs)identität (Occupational identity). 

Umgemünzt auf den praktischen Alltag sind z.B. die wichtigsten Occupational Roles für ein Kind die Handlungsrollen als Lernende:r, Spielkamerad:in, Tochter/Sohn und unabhängiges Individuum. In Zeiten von COVID-19 erfahren diese Occupational Roles aufgrund der verordneten Maßnahmen zum Teil eine deutliche Einschränkung und Veränderung. Durch externe Umstände können diese Handlungsrollen nur zum Teil oder gar nicht mehr eingenommen werden. Allerdings eröffnet die Zeit der Pandemie auch neue Handlungschancen und dadurch die Möglichkeit, neue Handlungsrollen einzunehmen.

Ergreifen wir diese neuen Chancen, können wir auch unsere Betätigungsidentität (Occupational Identity) verändern. Kielhofner (2002) definierte den handlungswissenschaftlichen Begriff Occupational Identity, welcher beschreibt, was eine Person durch ihre Rollen, Werte und Beziehungen prägt. Darüber hinaus erweitert sich das Wissen über die eigenen Fähigkeiten, Ziele und Wünsche unumgänglich. Die Occupational Identity dient als Mittel der Selbstdefinition. 

Weltweit erleben wir aufgrund der COVID-19-Pandemie alle einen Wandel unserer Occupational Identity, welcher oftmals auch Gefühle der Unsicherheit hervorruft. Wir definieren uns häufig über ein Studium oder die Arbeit. Ich arbeite, also bin ich?! In einer Zeit, in der viele Menschen ihre Anstellung verlieren oder eine Veränderung der Arbeitsbedingungen erleben (Home Office, virtuelle Meetings, Kurzarbeit, Arbeit und Kindererziehung unter einen Hut bringen), stellt sich allerdings manchmal ein Gefühl des Identitätsverlustes ein. Es kann zu Belastungen durch angespannte finanzielle Verhältnisse und Verlust von gewohnten sozialen Kontakten kommen.

Jedoch ist unser Job nicht das, was wir sind, sondern das, was wir tun. Wir können unseren Blick auf bereits vorhandene nicht-berufliche Rollen richten z.B. ehrenamtliche Arbeiten oder neue Hobbys. Denn Menschsein bedeutet immer mehr und hat viele unauslotbare Ebenen. Unsere Occupational Identity wird durch unterschiedlichste Handlungsrollen, Werte und Beziehungen geprägt, welche uns in unserem Alltag unterschiedlichste Handlungsmöglichkeiten und -chancen bieten.

Egal welche Tätigkeiten unsere Betätigungsrollen und -identität prägen, so gilt es doch eine ausgewogene (Betätigungs-)Balance im Leben zu finden. Das ist unglaublich wichtig, um die Gesundheit zu fördern und einen gut funktionierenden Alltag zu (er-)schaffen. Das erweist sich in der Praxis jedoch nicht immer als einfach, oder?

Unsere Betätigungsbalance (Occupational Balance) stellt stets eine Herausforderung im Alltag von uns Menschen dar. Das Leben bringt immer wieder Überraschungen mit sich, was es teils schwer macht, eine gesunde Balance zwischen Selbstversorgung, Ruhe/Erholung, Produktivität und Freizeit zu finden. Erinnere Dich daher immer wieder daran, dass es um die QUALITÄT der verbrachten Zeit geht und nicht um die QUANTITÄT.

In den meisten Fällen ist alles, was es braucht, eine Steigerung der Absicht und Achtsamkeit, während man sich mit den Tätigkeiten beschäftigt. In der Literatur gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs Occupational Balance (Anaby et al., 2016). Des Weiteren wird Occupational Balance oftmals in Verbindung mit oder als Synonym für die Work-Life-Balance verwendet (Matuska, 2012; Wagman et al., 2012), wobei der Begriff Occupational Balance ganzheitlicher gesehen wird.

Eine mögliche Erklärung hat Backman (2011) verschriftlicht: Menschen führen viele verschiedene Handlungen aus, wovon sie manche lieber tun als andere, und gewisse Handlungen einfach gemacht werden „müssen“. Laut Wilcock (2006) ist es ein Betätigungsgleichgewicht, welches zum Wohlbefinden führt. Komplementiert wird diese Aussage damit, dass jede Person ein eigenes Verständnis davon hat, wie die individuelle optimale Occupational Balance aussieht (ENOTHE, 2007).

Die abrupte Unterbrechung unseres gewohnten Alltages durch den Lockdown hatte zur Folge, dass unsere gewohnte Balance aus dem Gleichgewicht gekommen ist (Occupational Imbalance). Reduzierung der sozialen Kontakte, Ausgangssperre, geschlossene Restaurants, Hotels, Fitnesscenter, Museen, Kinos, etc. haben Auswirkung auf unsere physische und psychische Gesundheit. Um ein erfülltes Leben zu genießen, ist es in dieser speziellen Zeit die Herausforderung von uns allen, Selbstversorgung, Ruhe/Erholung, Produktivität und Freizeit in unserem Alltag ins Lot zu bringen, umeine ausgeglichene Occupational Balance zu erleben.

Veränderungen sind für viele Menschen schwierig. Vielen fällt es schwer sich daran zu gewöhnen, dass man die Büroarbeit jetzt nicht mehr im Büro macht, sondern vom Home-Office aus. Den Prozess der Betätigungsveränderungen im Alltag und daher in verschiedenen Lebensbereichen eine „Occupational Transition„.⁠ Laut Crider et al (2014) ist eine „Occupational Transition“ gekennzeichnet von einer „Occupational Dysbalance“, weil man sich erst an die neue Situation anpassen muss. Diese bleibt so lange bestehen, bis eine Adaptierung an die neue Situation stattgefunden hat. Und obwohl die Anpassung an die neue Situation von individuellen Faktoren abhängt, gibt es einige förderliche Faktoren laut Crider et al (2014): ⁠

Das Erinnern an positive, vorherige Transitionserfahrungen und das Wissen, was in der neuen Situation erwartet wird⁠, sowie ein positives Denken und die Akzeptanz der Veränderung wirken sich positiv auf den Anpassungsprozess aus. ⁠Unterstützend wirkt auch eine gute Passung von Menshc- Person und Umwelt in der neuen Lebensituation („Occupational Fit“). Das schließt auch die Unterstützung der sozialen Umwelt (beteiligte Institutionen, persönliches oder soziales Umfeld und deren Einstellung und Hilfestellungen)⁠ mit ein. Zudem ist eine kontinuierliche Ausführung von gleichbleibenden Betätigungen über den Transitionsprozess hinweg wichtig, um eine Verbindung zwischen „der Vergangenheit“ (Situation vor der Transition) und der neuen Situation („the New Normal“)⁠ und damit ebenfalls den Transitionsprozess zu unterstützen.

Dabei ist anzumerken, dass diese Betätigungsanpassung (Occupational Adaption) nicht immer einfach ist, wie das folgende Beispiel zeigt:

Alex ist 16 Jahre alt und besucht die zweite Klasse Oberstufe eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums. Der ausgezeichnete Schüler geht ausgesprochen gerne in die Schule, er ist beliebt und hilfsbereit. Den Umstieg auf das „Home-Schooling“ im Zuge des ersten Lockdowns schafft er zunächst problemlos. Ab Mitte Mai 2020 steht Alex morgens nur mehr schwer auf, er ist tagsüber energielos. Der Klassenvorstand meldet an die Eltern, dass Alex in den vergangenen beiden Wochen keine Hausübungen einreichte und im Online-Unterricht nicht mehr „greifbar“ sei. Darauf angesprochen weint er und beschreibt das Gefühl, „von der Welt vergessen, lebendig begraben“ zu sein.

Unterstützt von seinen Eltern findet Alex ein Online-Tool, mit dem man parallel zum Unterricht kommunizieren kann. Kurzerhand macht er es in seiner Klasse publik und tut nun wieder das, was er am liebsten tut: über Kommunikation lernen und andere dabei auch noch „mitnehmen“. Innerhalb weniger Tage verändert sich Alexs Zustand, er steht pünktlich auf, erledigt innerhalb weniger Tage alle Hausübungen. Mit dem zweiten Lockdown startet Alex in der Schule den Aufruf, das „Schwätz-Tool“ wieder gemeinsam zu nutzen. Bis heute geht es Alex psychisch wie physisch gut.

Alex hat es geschafft, auf die sozialen, zeitlichen und räumlichen Umweltveränderungen mit passenden Handlungen zu reagieren. Seine Handlungsperformanz in seiner für ihn substanziellen Handlungsrolle als Klassenkamerad und Lernbegleiter ebenso wie seine Betätigungsbalance beschreibt er als subjektiv “gut“ und meint „sein Leben gehöre wieder ihm“. Der innere Prozess des Anpassens ebenso wie das erfolgreiche Nutzen von alternativen Handlungsmöglichkeiten sind im Begriff der Occupational adaption (Handlungsanpassung) vereint. Die in allen Lebensaltern relevante Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Anpassungs- sowie Handlungsfähigkeit in herausfordernden Lebenssituationen begünstigen Resilienz und damit Gesundheit. 

Gerade am Beginn der Pandemie stand vor der Anpassung an die neue Situation die Wahrnehmung der Veränderung in den Handlungsmustern, -abläufen und -rollen. Diese wird als „Occupational Disruption“ bezeichnet und bedeutet, dass es zu einer temporären Unterbrechung von gewohnten Handlungen und Handlungsrollen sowie zu einer Veränderung der Handlungsmöglichkeiten kommt.

Occupational disruptions ereignen sich häufig und in unterschiedlichen Kontexten. Durch ihre zeitliche Begrenzung sind sie in vielen Fällen allerdings gut kompensierbar. Erschwert wird eine Occupational disruption, wenn sie zeitlich nicht eingegrenzt werden kann oder durch sie unfreiwillige, nachhaltige Rollenveränderungen drohen, wie das in der Pandemiesituation gerade der Fall ist:

Michael, 48, ist Pilot. Nach der weitgehenden Einstellung der meisten Linienflüge durch Covid 19 wird er von seiner Fluglinie in Kurzarbeit geschickt. Damit wird seine „Fliegerei“ nach fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal und unfreiwillig unterbrochen. Während der ersten fünf Wochen seiner Betätigungsunterbrechung (Occupational disruption) genießt er die medial allgegenwärtige „Entschleunigung“. 

Ab Anfang Mai fühlt er sich unwohl, ruhelos, getrieben. Er berichtet von Ein- und Durchschlafproblemen. Obwohl er weiß, dass er durch seine Position als erfahrener Pilot und Ausbildner in der Zeit nach dem Lockdown wieder arbeiten wird, beschreibt er sich als nervös, zeitweise besorgt. Unterschiedliche Aktivitäten, die er ehrenamtlich übernimmt, beispielweise den Einkaufsdienst für die älteren Nachbarn in seiner Straße oder Online-Nachhilfe für Mitschüler:innen seiner Kinder, empfindet er als wertvoll und ablenkend. Er hofft aber gleichzeitig, dass diese Aktivitäten nicht zu seiner „neuen Normalität“ werden. Das Fliegen, die Distanz zu seiner Familie und das regelmäßige „Wieder-Heim-Kommen“, das Gefühl der eigenen Wirksamkeit im Umgang sowohl mit der Flugzeugtechnik als auch mit den Crewmitgliedern und den Kolleg:innen der Flugsicherheit fehlt ihm. 

Die so mögliche Betätigungsdeprivation (Occupational Deprivation) ist der Zustand, in dem Menschen daran gehindert oder davon ausgeschlossen werden, an notwendigen, obligatorischen und selbst gewählten Tätigkeiten teilzunehmen und sich zu engagieren. Occupational deprivation hat daher schwerwiegende Folgen – sie reduziert die Fähigkeiten der Menschen und beeinträchtigt die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität erheblich. Whiteford (2000) beschreibt in seiner Studie Occupational deprivation als einen Zustand, in dem Menschen aufgrund von Faktoren, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, von der Möglichkeit ausgeschlossen sind, bedeutungsvolle Aktivitäten auszuüben.

Ashley Scott (2020) schrieb in ihrem Artikel darüber, wie sich Occupational deprivation auf die mentale Gesundheit auswirkt. So meint sie, dass Handlungen und bedeutungsvolle Aktivitäten den Kern des psychischen Wohlbefindens ausmachen und eine Occupational deprivation eine Vielzahl von Folgen mit sich bringt, wie z. B. Angstzustände, Depressionen und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit.

Der handlungswissenschaftliche Begriff Occupational deprivation (Betätigungsdeprivation) wird durch die aktuelle Covid-19-Krise deutlich greifbar und für viele Menschen, durch die uns alle betreffenden Ausgangsbeschränkungen, Quarantänebestimmungen, geschlossenen Geschäfte und Restaurants, sowie Home-Office-Verordnungen, spürbar. Durch die aktuellen Schutzmaßnahmen kommt es zu Veränderungen unseres gewohnten Betätigungsverhaltens, zu Einschränkungen in der Ausführung einzelner Handlungsinteressen und zu einer möglichen Betätigungsimbalance, was wiederrum zu einer Occupational deprivation führen kann. 

Aber nicht nur das Nicht-Ausführen-Können, sondern auch das Gefühl von eigenen, bedeutungslosen und unbefriedigenden Handlungen, meist verbunden mit dem Gefühl der Ohnmacht, die Situation zu verändern, belastet in dieser Zeit. Diese Gefühl wird als Betätigungsentfremdung (Occupational Alienation) bezeichnet und kann gut am Beispiel von Hannes verdeutlicht werden:

Hannes ist 78 Jahre, hat Polyarthrosen, aktuell akute Schmerzen und sitzt an seinem Küchentisch – vor sich sein neues Tablet, ein Geschenk seiner Enkel, um dem Großvater eine Möglichkeit zu geben, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Hannes zur Ergotherapeutin: „Das Ding da hätt´ ich nicht gebraucht. Mit so was hab ich noch nie was am Hut gehabt. Wär´ gescheiter gewesen, sie hätten sich um ihr Geld was anderes gekauft. Bis ich lerne, wie ich mit dem umgehe, bin ich tot.“ Der Plan seiner Enkel war, ihrem Großvater mit dem Tablet Möglichkeiten für einen virtuellen Austausch mit Familienmitgliedern und Raum für Freizeitaktivitäten mit seinen Kartenfreunden zu geben. Die Stimmung ist mittlerweile etwas angespannt, Hannes kann sich mit „dem Ding“ nicht anfreunden. Gleichzeitig möchte er seine Familie nicht verletzen, seine Freunde versuchen, ihm Mut zu machen.

 Was Hannes zu schaffen macht ist eben die genannte Betätigungsentfremdung (occupational alienation): er ist aktuell nicht in der Lage, das Tablet zu bedienen, erkennt seine unzureichende Handlungsperformanz und kann die Situation für sich selbst nicht zufriedenstellend lösen. Das Durchführen von Handlungen, die mit den eigenen Fähigkeiten und Ressourcen nicht übereinstimmen oder zu denen der betroffene Mensch keinen persönlichen Bezug hat, lösen Gefühle der Machtlosigkeit, Frustration und Entfremdungsgefühle in Bezug auf das soziale Umfeld oder auch auf das Selbst aus. Das Erleben reduzierter Selbstwirksamkeit kann sich unmittelbar auf das individuelle Wohlbefinden und damit auf die Gesundheit und die Lebensqualität auswirken. 

 

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