(Inter-)nationale Forschungsarbeiten, Forschungsprojekte und Forscher:innen der Handlungswissenschaft

Katrin Pechstädt & Magdalena Schlögl in Kooperation mit den AOS-Referat „Jungforscher:innen-Förderung“ und den vorgestellten Forscher:innen der Handlungswissenschaft

In unseren Blogbeiträgen Occupational Science im Praxisalltag von Ergotherapeut:innen im Fachbereich Pädiatrie und Begriffe der OS im Kontext von Covid-19 haben wir unterschiedliche Begriffe der Occuaptional Science (wie Betätigungsdeprivation, Handlungsrollen, Betätigungsbalance, …) vorgestellt, die Ergotherapeut:innen u.a. dabei unterstützen ihr professionelles Tun für Angehörige anderer Berufsgruppen oder Stakeholder und Kostenträger verstehbar zu machen.  

Doch damit wir die handlungswissenschaftlichen Erkenntnisse in der (ergotherapeutischen) Praxis umsetzen können und dass es OS-Begriffe gibt, die unsere Argumentationsgrundlage hinsichtlich unseres ergotherapeutischen Tuns unterstützen, brauchen wir Forschende, die menschliche Handlung und Menschen als Handelnde in ihren Forschungsarbeiten untersuchen.

Mit diesem Blogbeitrag möchten wir einzelne OS-Forscher:innen und OS-Forschungsarbeiten vorstellen, um einen Überblick zu geben, was sich im Bereich der Handlungswissenschaft national und international so tut.

Forscher:innen im Bereich der Occupational Science

Hans Jonsson ist seit 1977 ausgebildeter Ergotherapeut; er erlangte im Jahr 2000 seinen PhD und befasst sich bereits seit 33 Jahren mit Themen rund um Occupational Therapy sowie Occupational Science in Lehre und Forschung. Seit mehr als 15 Jahren leitet Hans Jonsson Masterstudiengänge der Occupational Science sowie PhD-Courses derselben Disziplin. Handlungswissenschaftliche Konzepte wie „Occupational Balance“ und die Zielgruppe „Ältere Personen“ stehen dabei oftmals im Zentrum seiner Forschungstätigkeiten. 

Auch Gary Kielhofner war ein Ergotherapeut, der im Laufe seiner Berufsausbildung Interesse am theoretischen Grundlagenwissen der Ergotherapie sowie der Occupational Science fand. Nach seinem Master of Arts degree in Occupational Therapy absolvierte er ein Doktoratsstudium im Bereich Publich Health, wodurch er den Titel Doctor of Public Health (Dr.P.H.) erlangte. Gemeinsam mit Janice Burke generierte Gary Kielhofner das bekannte Model of Human Occupation (MOHO), das bis heute in der Forschung sowie Praxis der Occupational Science und Ergotherapie Anwendung findet. 

Gail Whiteford ist aktuell als strategische Professorin für Allied Health and Community Wellbeing an der Mid North Coast LHD von NSW Health und der CSU tätig. Vorab hatte sie leitende Positionen an Universitäten in Australien und Neuseeland inne. Gail Whiteford war Australiens erste Pro- Vizekanzlerin für soziale Eingliederung an der Macquarie University. 

Im Bereich der Ergotherapie und Occupational Science ist Gail Whiteford bereits über 20 Jahre aktiv. Sie ist bekannt als Vordenkerin sowie als international bekannte Forscherin und Wissenschaftlerin. Sie erhielt 2017 eine der höchsten australischen Auszeichnungen für Ergotherapie, den Freda Jacobs Award. Whiteford ist Gründungsmitglied der Occupational Therapy Australia Research Academy und ist derzeit Vorsitzende der OTA Research Foundation.

Clare Hocking war die erste Professorin an der Auckland University of Technology (Neuseeland) für den Bereich Occupational Science and Therapy, wo sie heute noch lehrt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen: Gesundheitsförderung sowie Menschenrechte und Gerechtigkeit. Clare Hockings Ziel ist es, die Handlungswissenschaft und Ergotherapie weiterzuentwickeln, in dem ihre Arbeit auf Praktiker:innen, Akademiker:innen, Forscher:innen und Student:innen auf nationaler und internationaler Ebene wirkt. Sie ist Mitautorin der 3. Auflage von Wilcocks Occupational Perspektive of Health, Mitherausgeberin von Occupational Science: Society, Inclusion, Participation und seit 1997 Herausgeberin des Journals of Occupational Science.

Aber auch national gibt es einige Vertreter:innen, die sich schon lang mit Handlungswissenschaft auseinandersetzen.

Ursula M. Costa ist als Ergotherapeutin und Forscherin in Ergotherapie, Gesundheits-, Therapie- und Handlungswissenschaften bekannt und aktiv. Ihre interdisziplinär und partizipativ ausgerichtete Forschungstätigkeit begann in den 1990er Jahren im Rahmen der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Innsbruck. Nach Absolvierung ihres Masterstudiums in Ergotherapie 1999 an der Boston School of Occupational Therapy setzte sie ihre berufliche Tätigkeit in einer Verbindung von Praxis, Lehre und Forschung in Österreich fort. Seit 2007 baut Ursula M. Costa in Kooperation mit regionalen, nationalen und internationalen Partner:innen, Forschung und Entwicklung am Studiengang Ergotherapie und Handlungswissenschaft an der fh gesundheit auf. Seit mittlerweile 10 Jahren leitet sie den von ihr mit einem interdisziplinären Entwicklungsteam konzipierten Master of Science in Ergotherapie und Handlungswissenschaft. Im Jahr 2014 promovierte Ursula M. Costa nach Studien in Erziehungswissenschaften und komplementären Therapieansätzen in Public Health (PhD) an der UMIT in Wien und Hall in Tirol.  

Mona Dür ist aktuell an der Amsterdam University of Applied Sciences am Master of Science in Occupational Therapy beschäftigt und Geschäftsführerin von Duervation. Vorab leitete sie den Masterstudiengang Angewandte Gesundheitswissenschaften an der IMC Fachhochschule Krems, und war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Medizinischen Universität Wien. Sie leitete mehrere Forschungsprojekte und war die erste Ergotherapeutin, die an der Medizinischen Universität Wien ein PhD Studium absolvierte. Sie beschäftigt sich seit über einem Jahrzehnt mit dem handlungswissenschaftlichen Konzept “Betätigungsbalance”. Einer ihrer Artikel über die Definition und Messung der Betätigungsbalance wird weltweit in der Ausbildung und Weiterbildung von Ergotherapeut:innen und Handlungswissenschafter:innen verwendet.  

Mona Dür ist Gründungsmitglied und seit 2021 Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Handlungswissenschaft (AOS). 

Verena C. Tatzer ist ausgebildete Ergotherapeutin. Sie schloss im Jahr 2008 das Studium „European Master of Science in Occupational Therapy“ ab und erhielt 2017 den Titel Dr.phil. an der Alpen Adria University Klagenfurt; IFF Vienna, Institut for Palliative Care & Organisational Ethics. Seit 2010 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Wiener Neustadt. Von 2013 bis 2015 arbeitete Verena C. Tatzer im Projekt „Demenzfreundliche Apotheke“ in Wien und NÖ mit. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen zumeist die Fachbereiche Geriatrie und Psychiatrie. In dieser Dissertation wurde das Erleben von Aktivität und Partizipation von Menschen mit mittelschwerer und schwerer Demenz, die in Langzeitpflegeeinrichtungen leben, erforscht. Darüber hinaus wurde ein besseres Verständnis über die Rolle von Aktivität und Handlung in der Identitätskonstruktion und Generierung von Sinn und Bedeutung erlangt. 

Sarah Kufner & Nadine Scholz-Schwärzler, Initiator:innen des empowerment-projects, glauben an eine soziale Transformation durch Handeln und verstehen sich als aktive Change Agents und Health Promoter. Sie setzen sich für eine Stärkung der Ergotherapie als Profession ein, für das Erleben und Wissen um Zugehörigkeit (belonging) sowie einer fortlaufende Potenzialentfaltung der Professionsangehörigen, die für Gesundheit und Wohlbefinden, Selbstbestimmung, Betätigungsgerechtigkeit und Teilhabe sowie Handlungsfreiheit von Menschen in allen Lebensphasen arbeitet.

Das empowerment-project wurde 2017 von den beiden Ergotherapeut:innen aus Bayern ins Leben gerufen. Als „participatory occupational space“ werden seit inzwischen fünf Jahren Raum, Zeit und Anlässe angeboten, in denen Kolleg:innen sowohl proaktiv an Forschung, Lernen und Lehre teilhaben können, als auch ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlbefinden durch eine Stärkung der Zugehörigkeit (belonging) zur Profession, wie auch durch deren Mitgestaltung (doing) proaktiv weiterentwickeln. Als „meaningful collective action“ treten dadurch auch Praxisalltag und Occupational Science in den Handlungsdiskurs.

Forschungsarbeiten und Forschungsprojekte im Bereich der Handlungswissenschaft

Auch im Bereich der OS-Forschungsarbeiten tut sich (inter-)national einiges, weswegen wir euch hier auch einige ausgewählte Arbeiten vorstellen wollen.

Beginnen möchten wir mit der OS-Forschungsarbeit von Hannes Außermaier. Im Zuge des Masterstudiums Master of Science in Ergotherapie und Handlungswissenschaft an der fhg/Tirol erhielt er ein Forschungsstipendium und die Möglichkeit an einem multidisziplinären Projekt mitzuarbeiten. Das Ziel des Projektes war die Entwicklung eines interaktiven Routing-Tools für Rollstuhlnutzer:innen, das ermöglichen sollte, Barrieren im öffentlichen Raum zu umfahren. Dazu mussten die Barrieren im öffentlichen Raum zuerst aus der Sicht der betroffenen Menschen erhoben und beschrieben werden. Mobilitätseingeschränkte Menschen wurden so als Expert:innen intensiv in die Erstellung und Optimierung des digitalen Barriere-Informations-Systems eingebunden.  

In der Masterarbeit, die als Paper im Journal IJHP publiziert wurde, beschrieb der Forscher die Barriereerfahrungen von Betroffenen aus ergotherapeutischer und handlungswissenschaftlicher Sicht. Diese Masterarbeit zeigt uns, wie wichtig es ist, dass Ergotherapeut:innen sich als Gesundheitsfürsprecher:innen im Sinne der Betätigungsgrechtigkeit für Barrierefreiheit im öffentlichen Raum einsetzen.  

Bei Interesse gibt es hier die gesamte Masterarbeit zum Nachlesen:
🔗 https://bond.azw.ac.at/opacdata/0010206768.pdf oder https://sciendo.com/es/article/10.1515/ijhp-2016-0017  

“Welche Veränderung der Handlungsrollen beschreiben betreuende Partner:innen innerhalb der ersten zwölf Monate und frühestens drei Monate nach Rückkehr ins häusliche Umfeld einer Person, die erstmalig einen Schlaganfall hatte? Wie zeigen sich diese Rollenveränderungen? “ – dieser Forschungsfrage wurde von Stefanie Jenni in ihrer Masterarbeit im Rahmen des MSc-Studiums in Ergotherapie und Handlungswissenschaft an der fh gesundheit (Tirol) nachgegangen. Die Masterarbeit von Stefanie Jenni verdeutlicht, dass sich eine Veränderung im Alltag (wie Schlaganfall des:der Partner:in) auf die Handlungsrollen von Menschen auswirkt. Dies sollte von Ergotherapeut:innen im Praxisalltag – insbesondere im Hinblick auf Angehörigenarbeit – unbedingt mitgedacht werden, um Partner:innen von Klient:innen bei diesem Betätigungsübergang zu unterstützen und in ihren neuen Handlungsrollen und -möglichkeiten zu stärken.  

 Bei Interesse findest Du die gesamte Masterarbeit hier zum Nachlesen:
🔗https://bond.azw.ac.at/opacdata/0010034811.pdf 

Natalie Gätz verfolgte in ihrer explorativen, handlungswissenschaftlichen Studie im Rahmen des Masterstudiums (OT-EuroMaster) das Ziel, die Bedeutung des Rauchens im Alltag von vier Teilnehmer mit COPD zu erfassen. Rauchen trägt zum Erhalt der Tagesstruktur bei und ist in dieser fest verankert – eine Gewohnheit, die bei den Teilnehmern schon seit vielen Jahren als bedeutsame Betätigung eine Rolle spielt. Bedeutung entsteht für die Teilnehmer dieser handlungswissenschaftlichen Studie auf Basis subjektiver Wahrnehmung von Genuss, Freude, Wohlbefinden und Belohnung – und so bleibt das Rauchen für die vier Teilnehmer der Studie eine genussvolle und bedeutungsvolle Betätigung im Alltag.

Im Rahmen des Projekts „gemeinsam gesund seestadt“ unter Beteiligung von Daniela Schlager-Jaschky und Danielle Belleflamme geht es darum, präventive Angebote, die handlungswissenschaftlich begründet sind, zu integrieren. 

Der Fokus der Angebote liegt auf der Betätigung Spiel in allen seinen Facetten. Es geht sowohl um Wissensvermittlung als auch das ‚erlebbar machen‘ der Bedeutung von Spiel sowie den Zusammenhang von (der bedeutungsvollen Betätigung) Spiel und Gesundheit/Wohlbefinden.

Besonders erwähnenswert ist das international geförderte Programm P4Play, bei dem es auch um das Thema „Spiel“ geht. P4Play, das Marie-Sklodowska-Curie-Stipendien im Rahmen eines Joint Doctorate Program in Kooperation mit der University College Cork sowie der Queen Margaret University, Edinburg vergibt, ermöglicht Jungforscher:innen, im Rahmen von PhD- Arbeiten das Thema Spiel u.a. aus handlungswissenschaftlicher Sicht zu beleuchten:

Im Rahmen dieses Programmes erforscht Thomas Morgenthaler „Spiel im Freien“, als zentrale Handlung im Alltag von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung.  

Ziel des handlungswissenschaftlichen Forschungsprojektes von Thomas Morgenthaler ist die Entwicklung eines evidenzbasierten Instruments zur Evaluierung der Umweltqualitäten auf Spielplätzen. Der Fokus des Instrumentes liegt darauf, die Betätigung „Spiel“ am Spielplatz zu ermöglichen, indem man identifiziert, welche Umweltfaktoren zu einem hohen Spielwert beitragen.

Ziel der Forschungsarbeit von Dr. Karen McCarthy im Rahmen von P4Play ist es, die Erfahrung des Spielens als Handlung von Erwachsenen zu erforschen und das Phänomen „Spiel und Erwachsene“ handlungswissenschaftlich zu beleuchten. Zu “Spiel” als auch “Verspieltheit von Erwachsenen” gibt es in der Ergotherapie und Handlungswissenschaft bisher aber nur wenig Forschung. Die Erforschung des Spiels von Erwachsenen ist jedoch ein wichtiger Aspekt für das Verständnis von menschlicher Handlung und deren Verbindung zum Wohlbefinden.

Allison Mula befasst sich als PhD-Studentin im Rahmen von P4Play mit dem handlungswissenschaftlichen Thema “Gender & Play Occupation”.  

Diese Forschung zielt darauf ab, neue Erkenntnisse über den Raum und den Ort zu gewinnen, den das Spiel für Kinder schafft, um die sozialen Diskurse über Geschlecht zu konzipieren, zu kommunizieren, in Frage zu stellen und/oder zu verstärken. 

Die Handlungswissenschaft war und ist eine aktiv beforschte Landschaft. Oft sind deren Erkenntnisse direkt wieder in die Ergotherapie zurückgeflossen und beeinflussen den Praxisalltag von Ergotherapeut:innen. Oft genug war aber auch das Fehlen von Erkenntnissen der Grund, warum OS-Forschung begonnen wurde und Erkenntnisse generiert wurden. So zeigt sich doch immer wieder, dass Praxis nie von Forschung und Theorie losgelöst sein kann. Und auch für die Praxis heißt das, neugierig bleiben und falls es handlungswissenschaftliche Phänomene gibt, die man nicht erklären kann: FORSCHEN!

„Person, Environment and Occupation (PEO) – Schnittstelle zwischen Ergotherapie und Occupational Science“

Katrin Pechstädt

Das PEO-Modell von Law et al. (1996) ist eines der ältesten ergotherapeutischen Modelle. Es hat die Welt der Ergotherapie wie ein Erdbeben getroffen und seitdem ist es für Ergotherapeut:innen wohl das bekannteste und meistzitierte Inhaltsmodell. Bis heute hat somit die „Urmutter aller Modelle“ nicht an Gültigkeit verloren und dient weiteren Modellen als Grundlage (z.B. CMOP-E). Mit dem PEO-Modell wurden somit bereits 1996 die Begriffe „Occuaptional Fit“ und „Occupational Performance“ geprägt. Zwei Begriffe, die bis heute zentral für die Ergotherapie sind. Aber auch handlungswissenschaftlich betrachtet liefert das PEO-Modell eine gute Grundlage, um sich mit den Grundannahmen der Ergotherapie und dem Verständnis von „Person“, „Umwelt“ und „Occupation“ zu beschäftigen.

„Wer bin ich?“ oder auch “Was macht Menschsein aus?” Zentrale Fragen und noch dazu so philosophisch! Tatsächlich ist die Ergotherapie bzgl. ihrer Grundannahmen nicht weit weg von der Philosophie – prägt doch ein humanistisches Menschenbild die Ergotherapie (Reed and Sanderson, 1999). Weiter geht die Ergotherapie davon aus, dass der Mensch ein einzigartiges Wesen ist, mit individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Diese holistische Betrachtungsweise macht die Praxis spannend – aber Ergotherapie auch komplex. Neuere Modelle stellen dabei nicht nur den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt, sondern definieren „Person“ als Gruppe von Menschen, z.B. eine Nachbarschaft, Gemeinde oder auch Mitglieder einer Organisation. Das macht die Betrachtung noch mal komplexer. Auch Handlungswissenschaftler:innen, die Menschen als Handelnde erforschen, betrachten philosophische oder soziologische Zugänge und stellen sich immer wieder aufs Neue die Frage: „Was ist eine Person? Wer ist der:die Handelnde?“ 

Eine weitere Grundannahme der Ergotherapie ist, dass der Mensch in ständigem Austausch mit seiner Umgebung steht (Reed and Sanderson 1999). Dabei besteht die Umwelt aus verschiedenen Komponenten: u.a. der sozialen Umwelt, also den Menschen, die uns umgeben. Weiter beeinflussen uns sowohl klimatische wie auch andere Faktoren der physischen Umwelt: Wo lebe ich? In welchen Behausungen? Wie ist die Infrastruktur des Ortes, in dem ich lebe? Welche Ausstattung hat meine Behausung? Unter welchen sozioökonomischen Bedingungen lebe ich? Welche Gegenstände und Materialien verwende ich, um meinen Handlungsroutinen nachgehen zu können und meine Handlungsrollen auszuüben?
Gibt man als Therapeut:in Hausübungen, muss man diese Faktoren miteinbeziehen, damit diese auch ausgeführt werden können. Aber auch handlungswissenschaftlich ist die Betrachtung der Umwelt zentral und hat unter Berücksichtigung von Zugängen u.a. aus der Psychologie und der Soziologie zur Entwicklung handlungswissenschaftlicher Konzepte geführt: „Occupational justice“ oder „Occupational apartheid“, um nur zwei zu nennen. Welche weiteren Konzepte der Handlungswissenschaft stehen Deiner Meinung nach in enger Verbindung mit der Umwelt? Wir sind gespannt auf Deine Gedanken und Kommentare! 😉

Ein Mensch gestaltet im Tun seine Umwelt und die Umwelt gestaltet das Tun des Menschen. So einfach könnte man die Beziehung zwischen diesen beiden Elementen (Person & Umwelt) beschreiben, die auch zentrale (Forschungs-)Gegenstände der Handlungswissenschaft sind. Neben der Handlungswissenschaft beschäftigen sich auch viele andere Disziplinen mit dieser Wechselwirkung. In der Handlungswissenschaft beschränkt sich die Sicht, was Umwelt ist allerdings selten auf einen Aspekt der Umwelt. Die Beziehungen, die wir pflegen, die Netzwerke, die uns stützen, können genauso hinderlich oder förderlich sein, wie das Klima, unsere Wohnsituation oder Ausstattung. Ein handlungswissenschaftliches Konzept, das beispielweise die enge Beziehung zwischen Person und Umwelt gut beschreibt, ist “Occupational Adaptation” (Grajo et al., 2018). In der Ergotherapie werden aus genau diesem Grund nicht nur auf der Körperfunktions- und Handlungs- sowie Partizipationsebene angesetzt, sondern auch Umwelten evaluiert und adaptiert, um Handlungsmöglichkeiten zu erweitern bzw. Handlungsräume zu schaffen. Eigentlich ein Plädoyer für mehr Therapie im Hausbesuchskontext. Oder anders gesagt: Wie beeinflusst eine „künstliche“ Umgebung, wie eine Klinik oder eine Rehabilitationseinrichtung die Person-Umwelt- Interaktion beim (Wieder-)Erlernen von bedeutsamen “Occupations”?

Occupation“ meint in den meisten Fällen „Dinge, die Menschen tun müssen, tun wollen und von denen erwartet wird, dass sie sie tun“ (ISOS, 2009). Wilcock (1998) beschreibt “Occupation” als eine Synthese von „Doing, Being and Becoming“. Die deutschsprachige ENOTHE Arbeitsgruppe „Terminologie“ beschäftigte sich mit dem Begriff und definierte “Occupation” als „Komplex von Aktivitäten, der persönliche und sozio-kulturelle Bedeutung hat, kulturell definiert ist und die Partizipation an der Gesellschaft ermöglicht; [kann] den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und/ oder Freizeit zugeteilt werden“ (Weise et al., 2011). Übersetzt hat diese Arbeitsgruppe „Occupation“ gleich mit drei Begriffen: Handlung, Beschäftigung und Betätigung. Aus Sicht der Arbeitsgruppe können diese Begriffe allerdings nicht synonym verwendet werden (Weise et al., 2011): Hier wird festgehalten, dass der Begriff “Handlung” eher in der Schweiz und Österreich in Verwendung ist und in Deutschland eher das Wort „Betätigung“ gebräuchlich ist. Das Wort „Beschäftigung“ wurde kritisch gesehen, da es im Alltag sehr oft verwendet wird.

Eine weitere Grundannahme in der Ergotherapie, die auch die Occupational Science prägt, ist die Annahme, dass Menschen „Tätige Wesen“ sind. Sie wollen und müssen durch TUN mit ihrer Umwelt in Kontakt treten, um diese zu gestalten (Wilcock, 2006). Dabei gibt es hier – ähnlich wie mit der Umwelt – eine Wechselwirkung zwischen der „Occupationund Person: Das erfolgreiche Ausführen einer Betätigung oder Handlung (z.B. Skaten), wird Teil unseres Selbstverständnisses und dadurch unserer Handlungsidentität (ich bin jemand, der gern und gut skatet). Durch unser Tun (z.B. skaten) erfüllen wir somit u.a. gesellschaftliche (Handlungs-)Rollen (Skater:in sein). Gehen wir diesen Handlungsrollen erfolgreich nach, sind wir Teil einer Gruppe (Clique im Skatepark). Dieser Zusammenhang, der von Ann Wilcock (2006) beschrieben wurde und das Tätigsein und seine Auswirkungen auf den Menschen beschreibt, prägt bis heute nicht nur die Handlungswissenschaft und Forschung in der Occupational Science, sondern zeigt auch, wie wichtig es ist bedeutungsvolle Aktivitäten im Therapiealltag zu adressieren.

Allerdings geben uns Umweltbedingungen z.T. vor, welche „Occupations” wir ausführen können. Die Pandemie hat diesen Zusammenhang nochmals verdeutlicht. Wie Ausgangsbeschränkungen oder andere Schutzmaßnahmen unsere alltäglichen Handlungen in dieser Zeit beeinflusst haben und welche Konzepte der Occupational Science damit verbunden sind, findest Du zusammengefasst in einem Blogbeitrag auf unserer Homepage: https://tinyurl.com/2p8b5c49
Wer z.B. gerne am See baden geht, wird sich freuen, dass es jetzt wieder wärmer wird und die klimatischen Umweltbedingungen entsprechend so gestaltet sind, dass Schwimmen wieder möglich ist. Auch Aktivitäten, die ganzjährig möglich sind, wie Joggen oder Wandern, müssen an Umweltbedingungen – ggf. durch den Wechsel der Jahreszeiten – angepasst werden.

Spannend wird es, wenn man all diese drei Komponenten zusammenbringt: Wenn also eine Person eine „Occupation” in einer bestimmten Umwelt ausführt. Das Wechselspiel zwischen diesen drei Komponenten ist nämlich verantwortlich dafür, wie erfolgreich dieses Zusammenspiel gelingt – entsprechend gut oder weniger gut ist somit die Occupational Performance. Während die  Handlungswissenschaft versucht menschliche Handlung und deren Bedingungen zu erfassen und erforscht was “Occupational Performance” ausmacht, nutzen unterschiedliche Prozessmodelle in der Ergotherapie „Occupational Performance“ als Outcome. Ziel in der Ergotherapie ist es schließlich das Zusammenspiel dieser drei Komponenten zu fördern. Das kann durch Funktionsverbesserung oder Stärkung der Handlungsidentität und Handlungsrollen (Person), Hilfsmittel oder Eröffnung von Handlungsräumen (Umwelt) und Veränderungen der Betätigungen sowie Handlungen stattfinden. Die Handlungswissenschaft unterstützt Ergotherapeut:innen dank handlungswissenschaftlichen Konzepten im Praxisalltag dabei, ihr ergotherapeutischen Tun im Hinblick auf Person, Umwelt und Handlung zu begründen und nachvollziehbar zu machen. Kannst Du das in Deinem Praxisalltag so erleben und diese Aussage somit bestätigen?

Ob die drei Faktoren Person, Umwelt und “Occupation” zusammenpassen bezeichnet das Konzept “Occupational Fit”. Je besser die Passung zwischen diesen Faktoren ist, desto besser der “Occupational Fit”: das bedeutet, dass eine Person in einer bestimmten Umgebung eine gewünschte Aktivität erfolgreich durchführen kann. Es passt einfach: Man hat das Gefühl am richtigen Ort das richtige erfolgreich zu machen – ein Gefühl, was oft als „Mastery“ beschrieben wird und einen erkennen lässt, dass man bedeutsame Betätigungen oder Handlungen erfolgreich ausführt. Dies kann sich über die Lebenspanne hinweg oder durch Veränderung einer oder mehrerer dieser Faktoren allerdings ändern: Während „am Sonntag ausschlafen“ als bedeutsame Aktivität gut in die Lebenssituation eines Teenies passt, wird dies im individuellen Alltag von Erwachsenen oft weniger “erfolgreich” ausgeführt.

Abb. 1 Determinanten von Gesundheit, Fonds Gesundes Österreich nach Dahlgren, G., Whitehead, M. (1991)

Aus Sicht der Occupational Science steht somit das Tätigsein in Wechselwirkung mit Umwelt und persönlichen Aspekten – und beeinflusst somit auch unsere Gesundheit. Handlungswissenschaftler:innen erforschen daher menschliche Handlung und deren Bedingungen sowie Menschen als Handelnde, um diese komplexe Wechselwirkung belegen zu können. In unserem Blogbeitrag zu Covid-19 und Occupational Science könnt Ihr nochmal genau nachlesen, welche Konzepte die Occupational Science in der Vergangenheit entwickelt hat, um den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Tätigsein zu beschreiben. Die Fülle an Konzepte spiegelt die Komplexität wider.
Zudem wird der Aspekt Umwelt auch im Bereich Gesundheitsförderung beleuchtet und fließt in die Betrachtung zur Gesundheit mit ein. Da sind z.B. die Determinanten von Gesundheit (Abb. 1: Fonds Gesundes Österreich nach Dahlgren, G., Whitehead, M. (1991)) von Bedeutung: sie bilden eine Mischung aus Umweltfaktoren und personenbezogenen Faktoren ab – Findest du den Faktor “Occupation” in diesem Konzept? Ist Occupational Science hier anschlussfähig? 

Quellenangabe

Grajo, L., Boisselle, A., & DaLomba, E. (2018). Occupational adaptation as a construct: A scoping review of literature. The Open Journal of Occupational Therapy, 6(1), 2.

Law, M., Cooper, B., Strong, S., Stewart, D., Rigby, P., & Letts, L. (1996). The person-environment-occupation model: A transactive approach to occupational performance. Canadian journal of occupational therapy, 63(1), 9-23.

Reed, K. L., & Sanderson, S. N. (1999). Concepts of occupational therapy. Lippincott Williams & Wilkins.

Weise, A., Thalmann, M., Müller, E., Mosimann, Ch., Matter, B., Gantschnig, B.(2011). Resultate der Arbeitsgruppe Terminologie (Dezember 2011). Heruntergeladen von http://www.ergotherapie.ch/resources/uploads/Projekte/AGTerminologie_Tabelle_def.Fachsp rache.pdf am 22.10.2013

Wilcock, A. A. (1998). Reflections on doing, being and becoming. Canadian Journal of Occupational Therapy, 65(5), 248-256.

Wilcock, A. A. (2006). An occupational perspective of health. Slack Incorporated.

Whitehead, M., & Dahlgren, G. (1991). What can be done about inequalities in health?. The lancet, 338(8774), 1059-1063.

Occupational Science im Praxisalltag von Ergotherapeut:innen im Fachbereich Pädiatrie

Hannes Außermaier, Magdalena Schlögl, Katrin Pechstädt, Katharina Fechner

Unser AOS-Jahr 2022 begannen wir mit den Jüngsten, den Kindern! Unter anderem mit Paul, Martina und Lukas. Drei Kinder, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Einschränkungen in ihren bedeutungsvollen Betätigungen erleben.  Hannes Außermaier, MSc zeigte auf unseren Social-Media- Kanälen, welchen Wert die Handlungswissenschaft für die Ergotherapie mit sich bringt, indem er OS-Begriffe für Euch anhand von Beispielen aus der pädiatrischen Praxis versteh- und erlebbar machte!

Zu Beginn ist da Paul.

Zu Beginn ist da Paul. Der 6-Jährige turnt und läuft gerne in der Wohnung herum, klettert auf Stühle und springt von der Couch. Den Nachbarn im Haus gefällt das gar nicht und seine Eltern versuchen ihn daher so gut es geht mit dem Tablet ruhig zu beschäftigen, damit Paul den Hausfrieden nicht stört. Klingt doch nach einer Lösung, denkst du? Vielleicht, solange es eine Ausnahme bleibt. Nicht, wenn man bedenkt, dass der Bub mehrere Stunden des Tages vor dem Tablet verbringt und eben nicht hüpft, läuft und turnt – das, was für ihn eigentlich bedeutungsvoll wäre. In der Occupational Science spricht man in diesem Fall von Betätigungsdeprivation.

„Mit Betätigungsdeprivation (occupational deprivation) bezeichnet Whiteford (2000, 2004, 2011) den Zustand einer Person oder einer Gruppe von Personen, die aufgrund von äußeren Einschränkungen nicht in der Lage sind, das zu tun, was für sie und ihr Leben notwendig, bedeutungsvoll oder sinnstiftend ist. Es ist ein Zustand, in dem die Möglichkeit, Betätigungen, die soziale, kulturelle und persönliche Relevanz haben, durchzuführen, erschwert oder sogar verunmöglicht wird (vgl. Wilcock 2006)“ (Costa, Pasqualoni & Wetzelsberger, 2016 S. 4).

Als Ergotherapeut:innen richten wir unseren Blick genau auf diese Betätigungsdeprivation. Wir wissen, welchen Wert bedeutungsvolles Spiel für Paul hat und wissen welche langfristigen Folgen die Einschränkung für Paul haben kann. Als Gesundheitsfürsprecher:innen klären wir darüber auf und erarbeiten gemeinsam mit Paul, seinen Eltern und den Nachbarn Strategien, die sinnvoll und umsetzbar sind.

Gut zu wissen: auch die UN-Kinderrechtskonvention (1989) besagt im Artikel 31, dass jedes Kind ein Recht auf Freizeit und Spiel hat. Es ist also sowohl aus handlungswissenschaftlicher wie auch aus kinderrechtlicher Perspektive nicht empfehlenswert, Paul vom Spielen abzuhalten.

Szenenwechsel.

Szenenwechsel. Manchen von euch ist die Situation von Martina vielleicht bekannt: die 7-jährige besucht die 2. Klasse Volksschule und eine Klassenkameradin feiert Geburtstag. Viele Kinder erhalten eine Einladung zur anstehenden Geburtstagsfeier, Martina aber leider nicht. Das Mädchen wird aufgrund ihrer Herkunft – Martina und ihre Familie haben einen Migrationshintergrund – nicht zu der großen Party eingeladen. Sie leidet unter Betätigungsmarginalisierung (occupational marginalization).

Betätigungsmarginalisierung (lateinisch „margo“ = „Rand“) bezeichnet in der Handlungswissenschaft das Ausschließen von Personen und Gruppen, von für sie oder für die Gesellschaft bedeutungsvollen Betätigungen und somit eine Verhinderung der Teilhabe am öffentlichen Leben.

Was bedeutet das für Martina? Das Mädchen wird von einem bedeutungsvollen sozialen Ereignis innerhalb ihres Klassenverbandes ausgeschlossen. Sie wird aufgrund ihrer nationalen, ethischen und/oder sozialen Herkunft „an den Rand gedrängt“ und an der Teilhabe gehindert.

Bezogen auf die Ergotherapie mit Kindern und Jugendlichen ist das Konzept der Betätigungsmarginalisierung nicht nur im individuellen Alltag des Kindes, sondern auch im Therapieprozess besonders wichtig. Betätigungsmarginalisierung liegt nämlich auch vor, wenn Kinder in gewisse Entscheidungsprozesse nicht eingebunden werden. Denkt man an die Vereinbarung und Planung von Therapiezielen, ist es also nicht nur im Hinblick auf den zu erwartenden besseren Therapieerfolg, sondern auch im Sinne der Teilhabe, sinnvoll und richtig, Kinder in Entscheidungsprozesse aktiv einzubeziehen und ihnen eine Stimme zu geben. Die Berücksichtigung des Kindeswillens ist in den UN-Konventionen (UN, 1989) unter Artikel 12 festgeschrieben. Dieser berechtigt Kinder ihre Meinung in der Therapie frei zu äußern und verpflichtet Ergotherapeut:innen angemessen und entsprechend dem Alter und der Reife des Kindes diese zu berücksichtigen.

„Diese Form der Marginalisierung bleibt nicht selten unter der Wahrnehmungsschwelle der Betroffenen, ebenso wie jener, für die Mitsprache ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags ist. Sie beruht letztlich auf Normerwartungen, die den Rahmen vorgeben, in welcher Angelegenheit wem, wann und wo legitime Mitspracherechte zugestanden werden und wem nicht (Townsend/Wilcock 2004, 81).“ (Costa, Pasqualoni & Wetzelsberger, 2016 S. 3).

Der 4-jährige Jonas

Der 4-jährige Lukas steht vor einem anderen – in Zeiten der COVID-19 Pandemie aber durchaus alltäglichem – Problem. Was zunächst nicht ungewöhnlich scheint, weil wir es alle schon einmal erlebt haben, ist aus handlungswissenschaftlicher Sicht durchaus einen tieferen Blick wert. Denn Lukas darf aufgrund eines grippalen Infekts mehrere Tage nicht in den Kindergarten und ist von einer Betätigungsunterbrechung (occupational disruption) betroffen.

„Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, das nicht ungewöhnlich ist, von vielen Menschen sporadisch erlebt wird und entsprechend gut nachempfunden werden kann. Denken wir beispielsweise an eine Erkältung, an eine Beinverletzung, die wir uns beim Sport zugezogen haben, oder an einen Berufswechsel, der uns den Umzug in ein anderes Land abverlangt: Solche Situationen gehen zweifelsohne mit Einschränkungen einher. Diese Einschränkungen haben jedoch vorübergehenden Charakter, ihr Ende ist absehbar“ (Costa, Pasqualoni & Wetzelsberger 2016 S. 4).

Die Betätigungsunterbrechung bezieht sich also zunächst auf Lukas selbst. Sein gewohnter Alltag kann temporär nicht fortgesetzt werden. Handlungsroutinen, wie das tägliche Spielen mit seinen Freunden, finden nicht statt. Seine Handlungsrolle des Kindergartenkindes kann Lukas vorübergehend nicht ausüben. Auch Lukas Umfeld ist davon betroffen: wer übernimmt beispielsweise die Pflege des Kindes? Kann Pflegeurlaub genommen werden?

In vielen Fällen sind Überlegungen wie diese schnell zu lösen und es bedarf keiner weiteren Intervention. Als Ergotherapeut:innen und Handlungswissenschaftler:innen sollten wir jedoch bedenken, dass solche Betätigungsunterbrechungen Herausforderungen mit sich bringen können, die sich auf die Betätigungsperformanz und Handlungsmöglichkeiten einer Person und/oder dessen Umfeld auswirken, wodurchdann eben doch weitere Unterstützung notwendig sein kann.

Dabei liegt unser Augenmerk auf den bedeutungsvollen Betätigungen, die aufgrund der occupational disruption nicht fortgesetzt werden können und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Person und sein gesamtes Lebensumfeld gleichermaßen.

Veränderungen, die nicht nur das Kind selbst, sondern das ganze System, in dem es lebt, betreffen, können auch so genannte occupational transitions oder auf Deutsch Betätigungsübergänge mit sich bringen.

Wie bei Lisa.

Wie bei Lisa. Das Mädchen ist 6 Jahre alt und steht kurz vor dem Eintritt in die Schule. Sie freut sich schon sehr darauf, auch wenn das heißt, dass ab dann der Halbtagskindergarten von Schule und anschließender Nachmittagsbetreuung abgelöst wird – definitiv eine Umstellung für die 6-Jährige. Lisas Mutter ist daher genauso aufgeregt wie Lisa. Auch, weil sie selbst mit dem Schuleintritt ihrer Tochter wieder einer Vollzeitarbeit nachgehen wird, was durch den Halbtagskindergarten vor Ort zuvor nicht möglich war. 

Der Alltag der beiden wird sich durch die Transition in vielerlei Hinsicht ändern. Es kommen neue Rollen auf sie zu, die neue Betätigungen mit sich bringen und auch neue Gewohnheiten und Routinen müssen etabliert werden. Sich bei Betätigungsübergängen neu zu strukturieren und sich darin zurechtzufinden, ist aufregend und fordert Flexibilität, Kompromissbereitschaft und Ausdauer von allen Beteiligten. Es braucht Zeit, bis der neue Alltag alltäglich wird.

Betätigungsübergänge so vorzubereiten und zu begleiten, dass eine gelingende Transition möglich ist, sehen wir als Kompetenz der Ergotherapeut:innen und Handlungswissenschaftler:innen. Dabei sollte das gesamte System in den Prozess einbezogen werden. Nicht nur Lisa und ihre Mutter können in der Zeit des Schul- und Arbeitseinstieges individuell in ihren Betätigungsanliegen und Bedürfnissen unterstützt werden, auch mit dem Kindergarten, der Schule und/oder der Arbeitsstelle können Lösungsmöglichkeiten erarbeitet und gelingende Bedingungen geschaffen werden, sodass der neue Alltag wieder in Balance gerät.

Was es bedeutet, den Alltag in Balance zu halten, weiß auch Katharina. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, berufstätig und meistert den gemeinsamen Alltag, der stark von der Arbeit, den Kindern und dem gemeinsamen Familienleben geprägt ist, hervorragend.

Ein typischer Tagesablauf sieht bei ihr ungefähr so aus:  Katharina geht zur Arbeit, nachdem sie den Jüngeren in den Kindergarten und die Große in die Schule gebracht hat. Nach der Arbeit holt sie ihre Kinder ab und bringt den Jungen zum Fußball. Ihre Tochter besucht eine Freundin und Katharina fährt nach Hause, um die Wäsche zu machen. Nachdem sie die Kinder von deren Freizeitaktivitäten wieder abgeholt hat, kocht sie für die Familie und sie essen gemeinsam. Anschließend kontrolliert sie die Schulsachen ihrer Tochter für den nächsten Tag, putzt mit den Kindern die Zähne und liest ihnen beim Zubettgehen noch etwas vor. Und dann?

Bevor wir die Abendgestaltung von Katharina auflösen, ist es wichtig, sich über das Konzept der occupational balance (Betätigungsbalance) Gedanken zu machen. Dieses besagt, dass ein für sich selbst zufriedenstellender und als ausgeglichen erlebter Alltag im Hinblick auf die Lebensbereiche Selbstversorgung, Produktivität, Freizeit und Erholung zur Gesundheit von Menschen beiträgt. Eine betätigungsbezogene Unausgewogenheit (occupational imbalance) führt im Gegensatz dazu auf Dauer zu einer Beeinträchtigung von Gesundheit und Lebensqualität (ENOTHE 2007).

Eltern kommen häufig in die Situation, eigene Betätigungsanliegen in den Hintergrund zu stellen, da Fürsorgeaufgaben und andere Verpflichtungen den Alltag dominieren. Die eigene Betätigungsbalance leidet unter der Handlungsrolle der Mutter oder des Vaters. In der praktischen Arbeit mit Kindern sehen wir Eltern als erweiterte Klient:innen an und behalten auch ihre Befindlichkeit im Blick, um gegebenenfalls beraten und unterstützen zu können.

Du fragst dich jetzt bestimmt, wie Katharina ihren Abend verbringt. Nachdem die Kinder eingeschlafen sind, setzt sie sich ins Wohnzimmer und liest ein Buch. Dabei schläft sie auf dem Sofa ein. Ob sie dadurch eine ausgewogene, zufriedenstellende Betätigungsbalance in ihrem Alltag erlebt oder nicht, ist ohne die subjektive Bewertung von Katharina schwer einzuschätzen. Fest steht allerdings, der Alltag ist ein Balanceakt und ab und zu braucht es eine:n Ergotherapeut:in, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Occupational roles nennen wir in der Handlungswissenschaft Handlungsrollen, die eng mit unseren erforderlichen und gewünschten Betätigungen verknüpft sind. Jeder Mensch hat viele verschiedene Handlungsrollen. Sie können sich im Laufe der Zeit verändern, werden ersetzt, erweitert oder neu interpretiert.

Bei Katharina steht die Mutterrolle im Vordergrund, aber auch die Rolle der Angestellten oder der Singlefrau beeinflussen ihren Alltag auf unterschiedliche Art und Weise.

Auch Kinder nehmen verschiedene Handlungsrollen ein. Welche Rollen sie ausüben ist stark davon abhängig, in welchem Kontext sie aufwachsen, in welcher Lebenssituation sie sich befinden und welche Handlungsmöglichkeiten sich für sie in ihrem individuellen Alltag ergeben.

Peter beispielsweise lebt mit seinen Eltern und zwei Geschwistern auf einem Bauernhof am Land. Er kümmert sich in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne um die Tiere und trifft sich oft mit Freunden aus der Nachbarschaft zum Spielen. Neben dieser Mitarbeit auf dem Bauernhof muss der 9-Jährige selbstverständlich auch die Schule besuchen – auch wenn er das nicht besonders gerne macht. Peter ist Sohn, Bruder, Freund, Spielkamerad, Schüler, Babysitter für seine kleinere Schwester, Mitarbeiter am Bauernhof und noch vieles mehr!

Der Zusammenhang zwischen Handlungsrollen und Betätigungen ergibt sich dabei aus beiden Richtungen: Handlungsrollen bestimmen das, was wir tun und das, was wir tun, formt unsere Handlungsrollen. Die Betätigungen, mit denen wir unsere Handlungsrollen ausfüllen, führen schließlich zu unserer (Handlungs-)Identität (occupational identity).

Franziska

Franziska ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist 12 Jahre alt und geht nach der Schule unheimlich gerne joggen, weil das Laufen sie nach einem anstrengenden Schultag beruhigt. Wenn ihre Laufstrecke sie an den Häusern der Anwohner:innen vorbeiführt, wird sie freudig begrüßt, obwohl kaum jemand ihren Namen kennt. In der ganzen Nachbarschaft ist sie nur als „die junge Joggerin“ bekannt. Franziska macht das nichts aus – es stimmt ja, sie ist tatsächlich die einzige junge Joggerin in der Gegend.

Die occupational identity (Handlungsidentität) gibt uns die Möglichkeit, uns über Betätigung zu definieren und nicht über unsere Herkunft, unser Aussehen oder andere Faktoren, die wir nicht beeinflussen können.

Wenn Kinder wie Franziska über Betätigungen verschiedene Handlungsrollen einnehmen, haben sie die Chance sich über sich selbst bewusst zu werden, ihre Identität zu entwickeln und zu lernen auf sich zu vertrauen – wichtige Kompetenzen, die sie auf dem Weg zum Erwachsenwerden brauchen. Kindern und Jugendlichen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen, mit ihnen ihre Handlungsrollen zu entfalten und sie damit beim Aufbau ihrer Handlungsidentität zu unterstützen sind wesentliche Bestandteile der pädiatrischen Ergotherapie. 


Die Beispiele aus der Praxis zeigen eindrücklich, wie das Wissen aus der Handlungswissenschaft die Ergotherapie bereichert bzw. wie Handlungswissenschaft und Ergotherapie ineinandergreifen, und machen deutlich: sinnstiftende, bedeutungsvolle Handlungen sind ein notwendiger Faktor für Gesundheit und Teilhabe.

Wann kommst Du mit der Occupational Science in deinem Praxisalltag als Ergotherapeut:in in Berührung? Welche Bedeutung haben OS-Begriffe wie occupational deprivation, occupational marginalization und occupational disruption, in deiner Tätigkeit als Ergotherapeut:in? Hast Du Ähnliches schon selbst bei Klient:innen erlebt? Was sind Deine Gedanken dazu?

Wir sind gespannt auf den Austausch mit Euch und freuen uns, wenn Ihr Eure Erfahrungen mit uns in den Kommentaren teilt!


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Quellenangabe

Christiansen, Charles H./Townsend, Elisabeth A. (Hrsg.). (2011). Introduction to Occupation. The Art and Science of Living. 2. Aufl., New Jersey: Pearson Publications.

Costa U. (2012). Freiheit und Handlung – Handlungsfreiheit. Eine handlungswissenschaftliche Betrachtung. In: Clemens Sedmak (Hrsg.): Freiheit – Vom Wert der Autonomie. Grundwerte Europas. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Costa, U., Pasqualoni, P.-P., & Wetzelsberger, B. (2016). Betätigungsgerechtigkeit als Dimension gesundheitlicher Chancengerechtigkeit: Handlungswissenschaftliche Zugänge. Abgerufen am 03.04.2017 von http://ffhoarep.fh-ooe.at/bitstream/ 123456789/691/1/126_350_Costa_FullPaper_dt_Final.pdf

ENOTHE (European Network of Occupational Therapy in Higher Education). (2007). Terminology project. http://pedit.hio.no/~brian/enothe/terminology/

Standnyk, R. L.; Townsend, E. A. & Christiansen, C. H. (2011). Occupational Justice. In: Christiansen, C. H./Townsend, E. A. (Hrsg.) (2011): Introduction to Occupation. The Art and Science of Living. 2. Aufl., New Jersey: Pearson Publications, 329-358.

Townsend, E., & A. Wilcock, A. (2004). Occupational justice and client-centred practice: a dialogue in progress. Canadian journal of occupational therapy, 71(2), 75-87.

Whiteford, G. E. (2000). Occupational Deprivation: Global Challenge in the New Millennium. In: British Journal of Occupational Therapy, 63 (5), 200-204.

Whiteford, G. (2011). Occupational Deprivation: Understanding Limited Participation. In: Christiansen, C./Townsend, E. (Hrsg.): Introduction to Occupation. The Art and Science of Living. New Jersey: Pearson Publications, 303-328

Wilcock, A. A. (2006): An Occupational Perspective of Health. 2. Auflage, Thorofare: SLACK Incorporated.

„Occupational Justice von Kindern“ im (Praxis-)Alltag von Ergotherapeut:innen

Sarah Kufner

„Occupational Justice – Betätigungsgerechtigkeit ist nicht nur ein Konzept. Dahinter steckt die Vision von einer gerechteren Welt. Einer Welt, in der alle Menschen das tun können, was ihnen wirklich wichtig ist: an bedeutsamen Betätigungen teilhaben.“ (Kranz, 2018)

Die Konzeptionalisierung der Occupational Justice wie auch deren weitere terminologische Ausdifferenzierung (z.B. Occupational Deprivation, Occupational Marginalisation, Occupational Apartheid) erfolgt vorrangig aus einer westlich sozialisierten Professionsentwicklung der Ergotherapie. Dies gilt es zu beachten, anzuerkennen und in einer fortlaufenden Professionsentwicklung weiterzuentwickeln und zu nutzen – um globale Missstände weiter aufzudecken und zu verändern.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der konzeptionellen Entwicklung der Occupational Justice in der Literatur der Occupational Science und Occupational Therapy unternahmen Durocher, Gibson und Rappolt (2014) mittels Scoping Review. Sie unterschieden für ihre Datenanalyse alltägliche und extreme Situationen – in der Annahme, dass für praktisch tätige Ergotherapeut:innen, die in traditionellen ergotherapeutischen Settings arbeiten, z.B. Krieg, Gefangenschaft oder Flucht als extrem und damit „outside the arena of everyday occupational therapy“ wahrgenommen würde. Beispielhaft wurden als alltäglich identifizierte Faktoren, z.B. ein Mangel an finanziellen Ressourcen, die geografische (Wohn-) Lage, ein Mangel an sicheren Spiel- und Lernbereichen oder zugänglichen Verkehrsmitteln sowie die Zuschreibung eines Behindertenstatus oder Geschlechterzuschreibungen identifiziert.

Die Forscher argumentieren, dass „the act of helping clients engage in occupations and educating against stigma represents a political decision, be it implicit or explicit, to protect clients`rights (…)“. (Durocher et al., 2014). Klientenzentriertes, berufliches Handeln ist somit ein „justice-promoting effort“, ein „act of justice“.

„Facing up to occupational injustice means that people have to recognize it.“ 

Occupational Justice und Occupational Injustice in der Arbeit mit Kindern/Familien

In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vom 20.11.1989 verpflichten sich die Vertragsstaaten über die Elternverantwortung hinaus, positive Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Die Kinderrechtskonvention ist somit ein Zeichen von Achtung und Verantwortlichkeit der internationalen Staatengemeinschaft gegenüber Kindern in der Welt. Alle Kinder haben die gleichen Rechte. Einige der Rechte beinhalten z.B. das Recht gesund zu leben, Geborgenheit zu finden und keine Not zu leiden oder das Recht zu spielen und sich zu erholen, zu lernen und eine Ausbildung zu machen, die ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht. Kinder haben auch das Recht bei allen Fragen, die sie betreffen, mitzubestimmen und zu sagen, was sie denken. Kinder mit Behinderung haben zudem das Recht auf besondere Fürsorge und Förderung, damit sie aktiv am Leben teilnehmen können.

In der Ausübung einer klientenzentrierten und betätigungsbasierten – und/ oder betätigungsorientierten Ergotherapie mit Kindern, Eltern, Familien und den für diese bedeutsamen Bezugspersonen können wir diese aus Perspektive der Occupational Justice empowern, d.h. wir können sie dazu befähigen, ihre Autonomie und Selbstbestimmung zu erhöhen indem wir ihnen z.B. ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten, sowie Gestaltungsspielräume, eigene Stärken und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen. Da das Ausmaß, indem Menschen über Ressourcen verfügen Gesundheit und Wohlbefinden unmittelbar betrifft, stehen gesundheitliche Chancen in Bezug auf Gerechtigkeit auch in Verbindung mit Möglichkeiten, auf Sinn gebende Weise zu handeln und sich verwirklichen zu können (Costa, 2013).

 „A focus on occupational justice means, that we look at diverse occupational needs, strengths, and potential of individuals and groups, while at the same time considering issues of rights, fairness, empowerment, and enablement of occupational opportunities. (Stadnyk, Townsend & Wilcock, 2010, S.308-309)“.

Als Expert:innen für Betätigung (DVE, 2019; Peterko et al., 2019) verfügen Ergotherapeut:innen über ein umfangreiches Kompetenzprofil, das sie vielfältig dazu befähigt, Menschen, die mit ihnen in eine therapeutische Beziehung treten, professionell zu begleiten. So können sie als Fürsprecher:in ein erstes Bewusstsein dafür schaffen, dass Kinder, Eltern, Familien ein Recht darauf haben, sich „in Betätigungen zu engagieren, die sich positiv auf ihr eigenes Wohlbefinden und das ihrer Gemeinde auswirken.“

Als Fürsprecher:innen (DVE, 2019; Peterko et al., 2019) für das Kind können Ergotherapeut:innen Eltern empowern, sich für die Rechte ihres Kindes einzusetzen. Als ein erster Schritt kann dies bedeuten, die Selbstreflexion der Eltern hinsichtlich der Ausübung ihrer elterlichen Verantwortung anzuregen: z.B. Kann ich meinem Kind Schutz und Geborgenheit geben? (Wenn nicht, wie / wodurch könnte dies möglich werden?). Hat mein Kind die Möglichkeit zu spielen, zu lernen, sich zu erholen? (Wenn nicht, wodurch könnte dies möglich werden?) Kann mein Kind am Leben in der Gemeinschaft teilhaben? (Wenn nicht, wen oder was braucht es, damit dies möglich wird?).

Diese gemeinsame Betrachtung unter dem Gesichtspunkt des Rechts auf …kann bei Eltern auch eine Reflexion eigener Rechte und Ressourcen freisetzen: Was ist für uns als Eltern bedeutsam (wieder) zu tun? Haben wir die Möglichkeiten dazu? (Wenn nein, wen/ was braucht es für eine Veränderung? Haben wir die Fähigkeiten dazu? (Wenn nein, wen/ was braucht es für eine Veränderung?).

Im Rahmen der (ergo-)therapeutischen Beziehung stehen hier das Eröffnen von Zugängen und das Verfügbarmachen von Ressourcen seitens der Umwelt wie auch der Person selbst im Mittelpunkt (Law et al., 1996). Das Recht auf …schließt auch ein, dass eine Unverfügbarkeit (z.B. Therapeut:innenmangel, lange Wartezeiten, keine Ressourcen zur Überwindung sprachlicher Barrieren wie z.B. Dolmetscher, Übersetzungssoftware etc.) nach einem partizipativen Prozess verlangt in dem individuelle Lösungen im persönlich-spezifischen Kontext entwickelt werden.

„As with other issues of justice, occupational injustice can be confronted by empowering individuals, communities, and whole countries to improve their material, psycho-social, and political circumstances.“  (Wilcock & Hocking, 2015).

Das Recht schließt auch ein, bedeutsame Betätigungen weiter in den Gemeindekontext zu denken: „Was tun wir (Familie) wo und mit wem gerne? Mit/durch was leisten wir (Familie) einen Beitrag zu unserem Leben in der Gemeinde?“ Daraus können auch kollektive Aktivitäten entstehen, durch die Menschen ihre Lebensbedingungen selbst positiv verändern sowie ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden stärken können.

Eine aktuelle Stellungnahme des Weltverbands der Ergotherapeut:innen (WFOT) zur (Kriegs-) Situation in der Ukraine vom 02. März 2022 schließt passend mit folgender Aussage: „As an international occupational therapy community, we remain united as a profession to advocate human rights and occupational justice“. (WFOT, 2022)

Zur Autorin: Sarah Kufner

Ergotherapeutin und Systemischer Coach (DGSF)
Interprofessionelle Arbeit mit Kindern und Familien (Sozialpädiatrie)
Autorin (gemeinsam mit Nadine Scholz-Schwärzler) zum Ergotherapeutischen Coaching in der Pädiatrie (2019)
Dozentin, Gründerin des empowerment-project (www.empowerment-project.de); seit 2017

Quellenangabe

Bailliard, A., Aldrich, R. M., Sakellariou, D., & Pollard, N. (2016). Occupational justice in everyday occupational therapy practice. Occupational therapies without borders: Integrating justice with practice, 83-94.

Costa, U. M. (2013). Theorie-Praxis-Implikationen eines fähigkeitsorientierten Ansatzes: Ergotherapie und der Capability Approach nach Amartya Sen. In Der Capability Approach und seine Anwendung (pp. 245-270). Springer VS, Wiesbaden.

Costa, U., Pasqualoni, P.-P., & Wetzelsberger, B. (2016). Betätigungsgerechtigkeit als Dimension gesundheitlicher Chancengerechtigkeit: Handlungswissenschaftliche Zugänge. Abgerufen am 06.03.2022 von http://ffhoarep.fh-ooe.at/bitstream/ 123456789/691/1/126_350_Costa_FullPaper_dt_Final.pdf

Durocher, E., Gibson, B. E., & Rappolt, S. (2014). Occupational justice: A conceptual review. Journal of Occupational Science21(4), 418-430.

Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V. (DVE). (2019). Kompetenzprofil Ergotherapie. Abgerufen am 06.03.2022 von https://dve.info/resources/pdf/ergotherapie/kompetenzprofil-ergotherapie/3633-2019-kompetenzprofil/file

Hocking, C., & Townsend, E. (2015). Driving social change: Occupational therapists’ contributions to occupational justice. World Federation of Occupational Therapists Bulletin71(2), 68-71.

Kranz, F. (2018). Occupational Justice-Recht auf Betätigung. ergopraxis11(02), 10-11.

Law, M., Cooper, B., Strong, S., Stewart, D., Rigby, P., & Letts, L. (1996). The person-environment-occupation model: A transactive approach to occupational performance. Canadian journal of occupational therapy, 63(1), 9-23.

le Granse, M. (2020). Werden wir mit unseren Modellen allen Klienten gerecht?–Kulturelle Vielfalt. ergopraxis13(02), 44-47.

Peterko, Y. K., Unterweger, K., Wagner, C., Stoffer-Marx, M., Dürauer, J., Lettner-Hauser, K., Manolopoulos, N., Nienhusmeier, B. & Garstenauer, C. (2019). Das Kompetenzprofil der Ergotherapie. Wien: Ergotherapie Austria.

Stadnyk, R., Townsend, E., & Wilcock, A. (2010). Occupational justice. In C. H. Christiansen & E. A. Townsend (Eds.), Introduction to occupation: The art and science of living (2nd ed., pp. 329- 358). Upper Saddle River, NJ: Pearson Education.

WFOT. (2022). Public statement. Abgerufen am 06.03.2022 von https://www.wfot.org/resources/public-statement.

Wilcock, A. A., & Hocking, C. (2015). An occupational perspective of health (3rd ed.). Thorofare, NJ: Slack.

Weiterführende Quellen

www.kinderrechte.de

www.bmfsfj.de (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) 

Handlungswissenschaft in den Curricula der österreichischen Ergotherapie-Studiengänge

Katrin Pechstädt und Magdalena Schlögl gemeinsam mit den österreichischen Ergotherapie-Studiengängen

Im Beitrag „Betätigung verstehen. Occupational Science“ von Florence Kranz (2017) (siehe Blogbeitrag „Literature-Friday – Interessante Quellen rund um die Occupational Science“) wird beschrieben, dass die Occupational Science (OS) für Ergotherapeut:innen „den gleichen Stellenwert wie Anatomie und Physiologie für die Medizin“ hat. Denn der Fokus – die „Betätigung als wesentlichen Aspekt des menschlichen Seins, Tuns, Werdens und Zugehörens“ (Kranz, 2017)zu sehen – prägt sowohl die Occupational Science als auch die Ausbildung und den Praxisalltag von Ergotherapeut:innen.  

Doch wie ist die Handlungswissenschaft nun in den Curricula der österreichischen Ergotherapie-Studiengänge und dadurch in der Ergotherapie-Ausbildung verankert?
Wir haben bei den FH-Ergotherapie-Studiengängen in Österreich, welche u.a. auch institutionelle Mitglieder von AOS sind, nachgefragt und freuen uns Euch in diesem Blogbeitrag die erhaltenen Antworten zusammenfassend darzustellen. 



  • Am Bachelorstudiengang Ergotherapie der FH Wiener Neustadt findet sich Handlungswissenschaft explizit in vielen Lehrveranstaltungen wieder – insbesondere in den LVs zu Theorien und Modellen, Clinical Reasoning und Handeln des Menschen. Aber auch in der Diskussion zu verschiedenen anderen Themen, wie beispielsweise “was bedeutet gesund“, “welche Ziele haben Menschen und welchen Einfluss hat dabei die Gesellschaft sowie deren Veränderung” u.ä. Occupational Science findet sich aber auch in Lehrveranstaltungen am Bachelor-Studiengang Ergotherapie der FH Wiener Neustadt wieder, sobald es nicht mehr nur um menschliche Funktionen, sondern um Betätigungen, Umwelten, usw. geht – wobei die Bezüge hier oftmals implizit bleiben. Aktuell sind auch Studierende im interdisziplinären Praxisprojekt „Demenzfreundliche Bibliothek Wiener Neustadt“ involviert, welches auch in der OS begründet ist. 
    Bezüglich Theorie-Praxis-Transfer u.a. im Hinblick auf die Handlungswissenschaft ist zu sagen, dass in den integrierenden LVs und Übungen mit den Studierenden versucht wird die Theorie verständlich zu besprechen, diese dann aber auch direkt in einen praktischen ET-Kontext zu setzen. Außerdem werden direkte Erfahrungen aus den Praktika in die LVs integriert und die Studierenden werden auch gezielt nach kritischen Standpunkten gefragt, um eventuell vorhandene Diskrepanzen zwischen dem Gelernten und dem in der Praxis Gelebten zu diskutieren. Ziel dabei ist die Theorie mit der Praxis gut zu vernetzen, die Beobachtungsgabe zu schulen und das Reflektieren – auch aus handlungswissenschaftlicher Perspektive – zu lernen.
    Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der FH Wiener Neustadt findest Du auf deren Homepage: https://www.fhwn.ac.at/studiengang/ergotherapie#curriculum 
  • Der Bachlorstudiengang Ergotherapie der Fachhochschule Campus Wien startete im Wintersemester 2021/22 mit einem neuen Curriculum. Die Occupational Science ist dabei in folgenden Modulen, Lehrveranstaltungen und Projekten verankert: Im neuen Curriculum beginnt die Ausbildung mit dem Modul „Betätigung und Gesundheit“, indem die komplexen Zusammenhänge von Betätigung auf Gesundheit und Wohlbefinden thematisiert werden. Hier werden zentrale Themen der Occupational Science wie Betätigung und Identität, Spiritualität sowie Betätigung und Gesellschaft behandelt. In der Lehrveranstaltung „Alltagsbewältigung in Lebensphasen“ werden unter anderem Konzepte wie Betätigungsbalance, Betätigungsgerechtigkeit, Betätigungstransitionen im Zusammenhang mit Gesundheit und Lebensqualität erarbeitet.  Im vierten Semester findet man Inhalte der Occupational Science in der Lehrveranstaltung „Community Innovation Lab: Schwerpunkt gesundes Altern“ wie „Lifestyle Redesign“, „Occupational transitions“ und „Occupational Marginalisation“ mit Fokus auf den sozialen Aspekten von Betätigung. Im sechsten Semester werden in der Lehrveranstaltung „Occupational Science and Global Citizenship“ in Anlehnung an die Menschenrechte die Konzepte „Occupational Rights“ und „Occupation Based Social Transformation“ bei vulnerablen und marginalisierten Gruppen von Menschen vertieft thematisiert.  Im Rahmen des internationalen Joint-Semester „FAB“ mit den  Partner:innen der Artevelde University of Applied Sciences in Gent (Belgien) und der Metropolia University of Applied Sciences in Helsinki (Finnland) werden, mit dem Fokus auf urbane Transformationen, „Occupational Injustice“, „Occupational Deprivation“, „Occupational Marginalisation“, „Occupational Rights“ sowie „Community Development“ als zentrale Konzepte angewendet. 
    Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der FH Campus Wien findest Du auf deren Homepage: https://www.fh-campuswien.ac.at/studium-weiterbildung/studien-und-lehrgangsangebot/detail/ergotherapie.html  
  • An der IMC FH Krems werden die Studierenden vom ersten bis zum sechsten Semester mit der Occupational Science vertraut gemacht.
    In vielen Lehrveranstaltungen, deren Inhalt das ergotherapeutische Handeln ist, wird auf Occupational Science eingegangen. Beispiele hierfür sind Grundlagenmodelle der Ergotherapie, Ergotherapie in den einzelnen Fachbereichen, betätigungsbasierte Ergotherapie und auch in der Berufsethik sind handlungswissenschaftliche Inhalte zu finden. Im Gesundheitsförderungspraktikum, das zum Teil an Schulen und Kindergärten stattfindet, befassen sich Studierenden immer wieder mit der Betätigungsbalance von Kindern und Jugendlichen.
    Jährlich werden Bachelorarbeiten mit Fragestellungen zu handlungswissenschaftlichen Themen erarbeitet. Um einige Themen zu nennen: Urban Gardening und Betätigungsbalance – ein Beitrag zur Gesundheitsförderung, Occupational Balance bei Müttern im Homeoffice während der Covid-19-Pandemie, Occupational Disruption bei alleinlebenden Personen während der Covid-19-Pandemie, Occupational Transitionen bei der Übersiedlung ins Pflegeheim/ ins betreute Wohnen.  Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der IMC FH Krems findest Du auf deren Homepage: https://www.fh-krems.ac.at/studium/bachelor/vollzeit/ergotherapie/#studienplan 
  • Der Bachelorstudiengang Ergotherapie der FH Gesundheitsberufe OÖ in Linz hat das Thema Handlungswissenschaft in Lehrveranstaltungen aller sechs Semester integriert. Eine wiederkehrende Beschäftigung und Auseinandersetzung mit diesem Thema soll die Studierenden sensibilisieren, OS als einen integralen Bestandteil der ergotherapeutischen Denkweise und wertvollen Beitrag für die Praxis zu verstehen.
    Bereits im ersten Semester wird in der Lehrveranstaltung „Philosophie, Entwicklung und Ethik der Ergotherapie“ die Thematik OS und auch AOS als Verein vorgestellt. Hier diskutieren die Studierenden beispielweise über Kernbegriffe wie „Occupational Justice“. Ebenso werden zu Salutogenese im Rahmen der Bearbeitung des Themas „Occupational Balance“ Artikel herangezogen, die OS Themen beinhalten. Im zweiten Semester wird in „Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens (GWA) bei der Aufgabenstellung „Reading Scientific Papers” bewusst ein Paper mit einem OS Fokus verwendet. Im dritten Semester wird im „Handlungsfeld mit Schwerpunkt Biomechanik“ (HSB2) das Thema OS in Fallbeispiele integriert. Im vierten und fünften Semester haben die Studierenden die Möglichkeit im Rahmen ihrer Bachelorarbeiten OS Themen zu vertiefen. Im sechsten Semester kann OS im Rahmen von Projektmanagement ein Thema sein, das die Studierenden frei wählen. Auch beim Verfassen von Publikationen können Themen mit OS Bezug bearbeitet werden. 
    Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der FH Gesundheitsberufe OÖ findest Du auf deren Homepage: https://www.fh-gesundheitsberufe.at/bachelor-studiengang/ergotherapie/zum-studiengang-ergo 
  • Im aktuellen Ergotherapie-Curriculum auf Bachelorniveau wird an der Fachhochschule Kärnten zwar keine dezidierte Lehrveranstaltung zur Thematik “Occupational Science” (OS) bzw. Handlungswissenschaft angeboten. Dies bedeutet aber nicht, dass entsprechende Inhalte während des Studiums nicht vermittelt werden; diese Inhalte werden in thematisch passende Module und Lehrveranstaltungen über die gesamte Studienzeit integriert. Bereits im ersten Semester werden Studierenden in den LVs „Berufskunde & Ethik“ und „Theorien & Modelle in der Ergotherapie“ grundlegende Begrifflichkeiten aus der OS vermittelt. In weiterführenden Lehrveranstaltungen in höheren Semestern (Evidenzbasierte Praxis in der Ergotherapie, fachspezifische LVs zu Ergotherapie in „klassischen“ Arbeitsfeldern usw.) erwerben Studierende vertiefendes Wissen zu einzelnen Konzepten, Rahmenwerken, Positionspapieren und Assessments. Dies umfasst zum Beispiel Grundlagen menschlichen Betätigungsverhaltens, Handlungsrollen, das OBQ-11-Assessment und Betätigungsbalance, Doing-Being-Becoming-Belonging, Betätigungsgerechtigkeit, Betätigungsübergänge und deren Bedeutung in Verbindung zu gängigen ergotherapeutischen Modellen. Zusätzlich haben Studierende im Rahmen des Verfassens Ihrer Bachelorarbeit, bei der Mitarbeit an Projekten und beim Gestalten von Open Educational Materials die Möglichkeit, OS-zentrierte Themenfelder zu bearbeiten. Exemplarisch aus den letzten Jahren seien hier die Themen „Betätigungsunterbrechungen durch Smartphones“, das Projekt „Schulkind leicht gemacht“, „Die Covid-19-Krise und Physical Distancing aus ergotherapeutischer Perspektive: Hintergrund, Auswirkungen, Alltagstipps & Ressourcen“, “Ergotherapie bei Transitionsprozessen und Betätigungsdysbalancen durch Mediennutzung bei Kindern” genannt.
    Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der FH Kärnten findest Du auf deren Homepage: https://www.fh-kaernten.at/studium/gesundheit-soziales/bachelor/ergotherapie/ 
  • Die Basis des aktuellen Curriculums des Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der FH JOANNEUM bilden 10 Leitsätze, wobei sich zwei direkt auf den handelnden Menschen und den Zusammenhang von Betätigung, Partizipation und Gesundheit beziehen. Da es sich dabei um essentielle Grundlagen für ein Verständnis des tätigen Menschen als zentralen Punkt in der Ergotherapie handelt, wird bereits im 1. Semester im Rahmen des Moduls „Betätigung“ Grundlagenwissen aus der Occupational Science in Verknüpfung mit Grundlagen aus der Ergotherapie und Selbsterfahrung vermittelt. In weiterer Folge bauen unterschiedliche Module und Lehrveranstaltungen darauf auf bzw. vertiefen hier durch Input, Analyse, Selbsterfahrung und Reflexion das komplexe Verständnis für den Menschen als handelndes bzw. tätiges Wesen und damit die Occupational Science. Im 6. Semester wird im Rahmen des Moduls „Ergotherapeutisches Handeln im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention“ explizit der Bogen zur Occupational Science gespannt und Inhalte werden im Rahmen eines Gesundheitsförderungsprojektes, je nach Zielgruppe, verstärkt einbezogen, weiterentwickelt und umgesetzt.
    Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der FH Joanneum findest Du auf deren Homepage: https://www.fh-joanneum.at/ergotherapie/bachelor/im-studium/studienplan/ 
  • Die Zusammenhänge von Handlung im entsprechenden Lebenskontext, deren persönliche und soziokulturelle Bedeutung, sowie der wechselwirksame Einfluss von Handlung auf Gesundheit und Wohlbefinden ziehen sich durch das ganze Ergotherapiestudium der FH Salzburg und sind thematisch in folgenden Lehrveranstaltungen verankert: Die Grundlagen der Handlungswissenschaften und ihre Verbindung zur Ergotherapie sind im 1. Semester abgebildet und werden methodisch durch Journal Club 1 ergänzt. 
    Das Modul Wissenschaft und Evidenz 1/ Occupational Science 1 im 3. Semester, fokussiert auf das Kernthema – die Erforschung von menschlichen Betätigungen in unterschiedlichsten Lebensphasen: durch eine Einführung in quantitative/qualitative Forschung(-smethoden), Literaturrecherche und Bewertung von Studien, den Blick auf den Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen, Evidenzbasierte Praxis und die Erstellung eines critical appraised papers lernen die Studierenden handlungswissenschaftlich zu forschen.
    In Semester 4 folgt das Modul Wissenschaft und Evidenz 2 mit Occupational Science 2 & Journal Club 2 (in Englisch), in dem der Konnex von Occupational Science und ihre Bedeutung für ergotherapeutische Interventionen in ersten wissenschaftlichen Arbeiten (Seminararbeiten) hergestellt wird.
    Semester 6 rundet den Bogen mit der LV Occupational Science 3 ab: neben der Qualitätssicherung in der praktischen Arbeit, stehen nun Methoden im Vordergrund, um innovative ergotherapeutische Anwendungen und Konzepte für neue Handlungsfelder wissenschaftlich darzulegen und zu begründen.
    Mit dem Verfassen der Bachelorarbeit und der Vernetzung aller dazugehörenden Lehrveranstaltungsinhalte belegen die Studierenden ihren Kompetenzerwerb in wissenschaftlichem Arbeiten – an der FH Salzburg immer unter den Gesichtspunkten der Occupational Science. Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der FH Salzburg findest Du auf deren Homepage: https://www.fh-salzburg.ac.at/studium/gws/ergotherapie-bachelor/curriculum
  • Handlungswissenschaft wird am Bachelor-Studiengang Ergotherapie der fh gesundheit als Grundlage und Bezugswissenschaft der Ergotherapie verstanden und ist entsprechend in sämtlichen Modulen verankert. Zudem gibt es explizite Lehrveranstaltungen, die der OS gewidmet sind:
    Bereits im ersten Studienjahr findet im Rahmen der Lehrveranstaltungen „Handlungswissenschaftliche Grundlagen 1“ und „Ergotherapeutische und handlungswissenschaftliche Grundlagen 2“ eine Einführung ins Thema statt. In konsequenter Integration von Theorie und Praxis werden u.a. begleitende Praxisprojekte mit ergotherapeutischem und handlungswissenschaftlichem Schwerpunkt durchgeführt, um die Inhalte aus den Vorlesungen praktisch erfahren und reflektieren zu können.
    Im dritten Semester liegt ein Fokus auf „Ergotherapieforschung und Handlungswissenschaft“. Über das gesamte Bachelorstudium Ergotherapie der fh gesundheit hinweg werden in der Lehrveranstaltung „Professionelles Reasoning und Reflektierende Praxis“ (auch) handlungswissenschaftliche Fragestellungen und Themen aufgegriffen und diskutiert. Dies kann im Masterstudium entsprechend fortgesetzt werden.
    Weitere Informationen zur Verankerung der OS im Curriculum des FH-Bachelor-Studiengangs Ergotherapie der fh gesundheit Tirol findest Du auf deren Homepage: https://www.fhg-tirol.ac.at/page.cfm?vpath=studium/bachelor/ergotherapie

Doch an der fh gesundheit Tirol kann man nicht nur ein Ergotherapie-Studium auf Bachelorniveau absolvieren, es werden auch zwei Masterlehrgänge im Bereich der Handlungswissenschaft und Ergotherapie angeboten.

  • Seit dem Studienjahr 2011/12 wird der Master-Lehrgang Master of Science in Ergotherapie und Handlungswissenschaft an der fh gesundheit in Innsbruck für Ergotherapeut:innen angeboten. Seit 2017 ist es zudem möglich, aus sämtlichen anderen Kontexten kommend den interdisziplinären Masterlehrgang Master of Science in Handlungswissenschaft berufsbegleitend zu besuchen. Dazu eingeladen sind alle, die sich für Menschen als Handelnde und für menschliche Handlung und deren Bedingungen im Kontext biopsychosozialer Gesundheit fachlich-wissenschaftlich interessieren, wie z.B. Musiktherapeut:innen, Architekt:innen, Soziolog:innen, Anthropolog:innen, Pädagog:innen, Sozialarbeiter:innen, Politikwissenschaftler:innen u.v.a.m.
    Absolvent:innen dieser beiden Masterlehrgänge leisten handlungswissenschaftliche Beiträge: im wissenschaftlichen Bereich zu einem erweiterten Verständnis von menschlicher Handlung in ihrer Verbindung mit Gesundheit und Partizipation, im Bereich fachlicher und sozialkommunikativer Kompetenzen zu handlungsorientierter und alltagsrelevanter Stärkung von Resilienz, Gesundheit und Lebensqualität von Menschen, Communities, Organisationen und Systemen unter Berücksichtigung der jeweiligen Lebenswelten. 
    Als Lehrgangsleitung geht Prof.in (FH) Dr.in Ursula Costa, MA einen Weg, der Ergotherapie, Ergotherapieforschung (auch als Teil der Therapieforschung/-wissenschaft) mit Handlungswissenschaft in Beziehung setzt. Besonders ist es beim Masterstudienangebot in Innsbruck zudem, handlungswissenschaftliche Themen aus sämtlichen Forschungsdisziplinen konsekutiv und im Dialog in Lehre und Forschung im Master anzubieten.
    So können Themen der (jeweiligen beruflichen/ergotherapeutischen) Praxis aus einer handlungswissenschaftlichen Perspektive betrachtet, wissenschaftliche Ergebnisse der Handlungswissenschaft kritisch diskutiert, bei Interesse und Möglichkeit an Forschungsprojekten im Bereich der Occupational Science mitgearbeitet oder eigene Forschungsvorhaben begleitet umgesetzt werden. Der spezifisch handlungswissenschaftliche Beitrag wird dabei in den intra- wie interdisziplinären Diskurs eingebracht.
    Die Studierenden erwerben sowohl fachliche, methodische als auch wissenschaftliche Kompetenzen im Bereich der Handlungswissenschaft. Durch die Vielfalt an Referent:innen aus dem In- und Ausland und die regelmäßigen Reflexions- und Integrationsmöglichkeiten (z.B. in den Modulen zu Professionellem Reasoning und Reflektierender Praxis) werden interprofessionelles Lernen und Arbeiten im akademischen und wissenschaftlichen Kontext unterstützt. Dies wird u.a. auch durch die Ringvorlesung zu Handlung, Gesundheit und Partizipation ergänzt. Weitere Informationen zur Verankerung der OS in den Curricula des FH-Master-Lehrgangs Ergotherapie und Handlungswissenschaft bzw. FH-Master-Lehrgangs Handlungswissenschaft der fh gesundheit Tirol findest Du auf deren Homepage:  https://www.fhg-tirol.ac.at/page.cfm?vpath=studium/master/handlungswissenschaft

Wie war das Thema Handlungswissenschaft in Deiner Ausbildung zur:zum Ergotherapeut:in verankert? In welchen Lehrveranstaltungen bzw. in welchen Ausbildungskontexten konntest Du etwas zu Occupational Science lernen?

Wir sind gespannt und freuen uns, wenn Ihr Eure Erfahrungen mit uns in den Kommentaren teilt. 😉

Literature-Friday – Interessante Quellen rund um die Occupational Science

Katrin Pechstädt, Magdalena Schlögl, Miriam Berger, Mona Dür

Von September bis Dezember 2021 haben wir am “Literature-Friday” die Gelegenheit genutzt, Euch interessante Quellen (Bücher, Artikel, Beiträge) rund um die Occupational Science zusammenfassend vorzustellen und dabei Ableitungen für die ergotherapeutische Praxis hergestellt. 
Durch diesen Blogbeitrag, in dem Ihr eine Zusammenfassung der vorgestellten Quellen findet, möchten wir Euren Berufsalltag als Handlungswissenschaftler:innen und/oder Ergotherapeut:innen gerne bereichern. Viel Freude beim Lesen!

Blogbeitrag Literature Friday_17.12.

Positionspapier & Mission Statement zur Occupational Science
Der WFOT (2012) erkennt durch sein Positionspapier „Occupational Science“ den Wert der Handlungswissenschaft für die Ergotherapie an, unterstützt dadurch das kontinuierliche Wachstum und die Entwicklung der Occupational Science und fördert damit handlungswissenschaftliche Initiativen auf internationaler Ebene. Im Positionspapier zur Occupational Science wird einerseits erklärt und definiert, weshalb die Handlungswissenschaft für den Arbeitsalltag von Ergotherapeut:innen bedeutsam ist. Andererseits wird die Bedeutung der OS für die gesamte ergotherapeutische Community beschrieben. Ergänzend werden im Positionspapier auch Herausforderungen und mögliche Strategien im Hinblick auf die Etablierung und Förderung der Occupational Science angeführt.
Doch welchen Wert hat dieses Positionspapier zur OS nun für die ergotherapeutische Praxis? Der WFOT beschreibt darin zusammenfassend, dass die Handlungswissenschaft relevante Auswirkungen auf die ergotherapeutische Praxis, Theorie und Evidenzlage mit sich bringt. Das Positionspapier zur OS kann Ergotherapeut:innen bei (handlungswissenschaftlichen) Themen/Fragestellungen im Praxisalltag somit als Argumentationsgrundlage gegenüber Kostenträgern und/oder Stakeholdern dienen. 
Du bist neugierig darauf geworden, welchen Wert die Occupational Science laut WFOT für den praktischen Alltag von Ergotherapeut:innen mit sich bringt? Dann sieh Dir gerne das Positionspapier des WFOT, welches 2012 veröffentlicht wurde, unter folgendem Link an: https://www.wfot.org/resources/occupational-science

Mit ihrem „Mission Statement“ hat auch die deutsche Occupational Science Gruppe einen wichtigen Eckpfeiler für die Etablierung der Occuaptional Science im deutschsprachigen Raum gesetzt. Dieses in der ergoscience erschienene Mission Statement aus dem Jahr 2019 positioniert Occupational Science als interdisziplinären Forschungszweig zur Erforschung der „Wechselwirkung zwischen menschlicher Handlung, Gesundheit und Wohlbefinden in räumlichen, zeitlichen, kulturellen und sozialen Kontexten“.   
Dabei legt es offen, dass das Mission Statement die Richtung eines folgenden Handlungsplans vorgeben soll und die gemeinsame Vision der dOS-Gruppe beinhaltet, weshalb es partizipativ mit Mitgliedern entwickelt wurde. Übergeordnetes Ziel ist es, „wissenschaftliche Diskurse zum Konzept der Betätigung mit Bezug auf den deutsch(sprachig)en Kontext, wie etwa deutschsprachige Theorietraditionen, anschlussfähig zu machen und weiterzuführen“ (Dennhardt et al., 2019).
Da AOS ein ähnliches Ziel verfolgt, freuen wir uns über den Austausch mit der dOS-Gruppe, insbesondere durch unser Referat „Internationalisierung“! 

Literatur zu Occupational Science und handlungswissenschaftlichen Begriffen
Florence Kranz (2017) beschreibt in ihrem Artikel „Betätigung verstehen. Occupational Science“, dass die Occupational Science (OS) für Ergotherapeut:innen „den gleichen Stellenwert wie Anatomie und Physiologie für die Medizin“ hat. Denn der Fokus – die „Betätigung als wesentlichen Aspekt des menschlichen Seins, Tuns, Werdens und Zugehörens“ (Kranz, 2017) zu sehen – prägt sowohl die Occupational Science als auch den Praxisalltag von Ergotherapeut:innen.  
Fragen zu Betätigung im Allgemeinen oder zu den Themen Betätigungsdeprivation (Occupational deprivation), Betätigungsmarginalisation (Occupational marginalisation), Handlungsrollen (Occupational roles), o. ä., tauchen bei Ergotherapeut:innen in der praktischen Arbeit immer wieder auf und können nicht immer beantwortet werden. Hier kann die interdisziplinäre Wissenschaft, OS, Antworten liefern. Die OS bildet die Wissensgrundlage für unser Tun und „unterstützt evidenzbasiertes Arbeiten, Clinical Reasoning und fördert interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ergotherapeut:innen“ (Kranz, 2017). Die Herangehensweisen, um Wissen zu Begebenheiten rund um menschliche Handlung zu generieren, haben in ihrer „Vielzahl an Forschungsmethoden, -designs und theoretischen Zugängen“ (Kranz, 2017) eine genauso bunte Bandbreite wie die Wissenschaftler:innen aus den unterschiedlichen interdisziplinären Disziplinen, die Erkenntnisse zu diesen Fragen untersuchen. 
Der Vorteil für Praktiker:innen besteht darin, dass durch die Definierung von Begrifflichkeiten aus dem Bereich der OS (z.B. Occupational Role, Occupational Identity) neue Blickwinkel für den Praxisalltag geschaffen werden, die den Horizont erweitern und helfen, „(globale) Missstände aufzudecken“ (Kranz, 2017). Des Weiteren bietet die OS Ergotherapeut:innen eine Fachsprache, um ihre Interventionen gegenüber Kostenträgern oder Stakeholdern zu argumentieren und für eine professionelle Ideologie einzutreten. Falls Euch die angeführten Begriffe der OS noch nicht vertraut sind, dann schaut auf unserer Homepage vorbei: https://austrianoccupationalscience.com/begriffe-der-os-im-kontext-von-covid-19/ oder seht Euch die einzelnen Beiträge auf unseren Social Media-Kanälen an.  

Begrifflichkeiten der Handlungswissenschaft werden auch von Kraxner et al. (2019) im Zusatzmaterial zum Kapitel „Einführende Gedanken zu Migration, Flucht und Asyl“ der Informationsbroschüre „Ergotherapie mit und für Menschen mit Fluchterfahrung“ zusammengefasst. Zur Broschüre geht’s hier lang: https://www.ergotherapie.at/sites/default/files/mmf_web.pdf
Ihr könnt sowohl nur das Zusatzmaterial downloaden und habt damit eine übersichtliche Zusammenfassung der wichtigsten Definitionen der OS-Begriffe oder Ihr lest die gesamte Broschüre und bekommt damit einen Einblick wie Handlungswissenschaft ganz praktisch die Grundlage für ergotherapeutisches Handeln sein kann. 

Die Begriffsdefinition von und die wichtigsten Kernaussagen des Konzepts „Betätigungsgerechtigkeit (Occupational Justice)“ werden von Florence Kranz im Artikel „Recht auf Betätigung. Occupational Justice“ (ergopraxis 02/18) zusammengefasst. Dabei werden die wichtigsten Schnittstellen der Betätigungsgerechtigkeit mit anderen Begriffen der Handlungswissenschaft dargestellt und diese damit in das Konzept eingebettet. Wie sagt Florence Kranz (2018) so schön:

„Betätigungsgerechtigkeit ist nicht nur ein Konzept. Dahinter steckt die Vision von einer gerechteren Welt. Einer Welt, in der alle Menschen das tun können, was ihnen wirklich wichtig ist: an bedeutsamen Betätigungen teilhaben.” 

Mit dem Thema Betätigungsgerechtigkeit beschäftigt sich auch Prof.in (FH) Dr.in Ursula Costa, MA in ihrem Buchkapitel “Freiheit und Handlung – Handlungsfreiheit. Eine handlungswissenschaftliche Betrachtung.”, welches 2010 in der WBG Reihe „Werte Europas“, Band 2 „Freiheit“ erschienen ist.
In diesem Buchkapitel wird der Frage nach den Bedingungen, die sich auf die Freiheit des Handelns von Menschen auswirken können, aus Sicht der Occupational Science, nachgegangen. 
Einführend wird die Handlungswissenschaft, als Bezugswissenschaft der Ergotherapie, beschrieben und Begriffe wie “Occupation”, “Handeln”, “Handlungsrepertoire”, “Handlungsrollen (Occupational roles)”,“Handlungsidentität (Occupational identity)”, “Betätigungsdeprivation (Occupational deprivation)”, “Betätigungsunterbrechung (Occupational disruption)”, “Betätigungsmarginalisation (Occupational marginalisation)”, “Betätigungsbalance (Occupational Balance)” oder “Handlungsfreiheit” definiert (Schau mal rein – wertvoller Tipp für den Praxisalltag 😉). 

Ursula Costa beschreibt “Freiheit im Handeln”, in Anlehnung an Montessori (1994), dabei als Möglichkeit den eigenen Bedürfnissen – dem, woran man sich freut, orientiert und selbst bestimmt – nachgehen zu können und das zu verwirklichen, was für die:den Einzelne:n im individuellen Lebenskontext von Bedeutung ist. Handlungsfreiheit bezieht sich sowohl auf die Wahlmöglichkeit von Handlungen als auch Handlungsrollen und steht in enger Verbindung mit Betätigungsgerechtigkeit (Occupational Justice) – dem Recht aller Menschen, ihr (Handlungs-)Potential einzubringen, dadurch ihrer Würde Ausdruck zu verleihen und mit Respekt behandelt zu werden. 
Laut der Positionserklärung zu den Menschenrechten der WFOT (2019) zählt es zu den Aufgaben von Ergotherapeut:innen Betätigungsgerechtigkeit für Alle zu schaffen und Menschen zu ermöglichen an für sie bedeutungsvollen Handlungen teilzuhaben, welche ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden stärken. Daher sollten von Ergotherapeut:innen auch auf handlungswissenschaftlicher Basis Themen wie Betätigungsgerechtigkeit, Handlungsidentität, Betätigungsmarginalisation als auch Handlungsrollen in der Arbeit mit Klient:innen aufgriffen werden. Wie das im (ergotherapeutischen) Praxisalltag aussehen kann, wird von Ursula Costa im beschriebenen Buchkapitel dargestellt. Bei Interesse findest Du das Positionspapier “Occupational Therapy and Human Rights” von der WFOT, in dem Betätigungsgerechtigkeit (Occupational Justice) thematisiert wird, hier zum Nachlesen: 🔗 https://www.wfot.org/resources/occupational-therapy-and-human-rights 

Im Buch „Occupational Therapy: Performance, Participation, and Well-Being“ (Christiansen, Baum und Bass, 2015) beschäftigt sich Kathlyn Reed (2015) im Kapitel „Key occupational therapy concepts in the Person- Environment- Performance- Model: Their origin and historical use in the occupational therapy literature“ ebenso mit diesen Konzepten, die in der Ergotherapie von Bedeutung sind. Sie gibt einen Abriss, wie einzelne ergotherapeutische und handlungswissenschaftliche Konzepte historisch definiert wurden. Diese Beiträge zu den einzelnen Konzepten werden schließlich dadurch aufgelockert, dass die Autorin eigene Kommentare zu vielen dieser Konzepte ergänzt und so einerseits einen Bogen zwischen den einzelnen Definitionen spannt und andererseits zu einer eigenen, kritischen Auseinandersetzung mit diesen Konzepten anregt.  

Mit dem für Handlungswissenschaftler:innen und Ergotherapeut:innen zentralen Konzept „Betätigung“ beschäftigen sich auch Charles Christansen und Elisabeth Townsed (Pearson New International Edition von 2009) in ihrem Buch „Introduction to Occupation: the Art of Science and Living“. Darin wird strukturiert erklärt: 

  • was Betätigung meint. 
  • wie man Betätigung erforschen kann. 
  • welche Konzepte mit dem Begriff Betätigung verbunden werden können. 
  • wie sich Kontext und Betätigung bedingt. 
  • welche Unterscheidung und Überlappungen es von Handlungswissenschaft und Ergotherapie gibt. 

Didaktisch gut aufgebaut und ergänzt um den sog. Study Guide mit Zusammenfassungen der Kapitel und weiterführenden Lernaktivitäten eignet sich das sehr verständlich geschriebene Buch durchwegs, um sich dem Thema „Occupation“ auch im Selbststudium zu nähern.  

Im Artikel „Occupational science: A renaissance of service to humankind through knowledge“, erschienen im Jahr 2000 im Journal „Occupational Therapy International“, beschreibt Yerxa (2000) aus ihrer Sicht nicht nur, was Wissenschaft, „Occupation“ und der „Homo occupacio“ ist, sondern erinnert uns daran, dass es nicht der Einsatz von Handsplints oder ADL-Checklisten ist, was eine:n gute:n Ergotherapeut:in ausmacht, sondern wie die „Detektivarbeit “ von Handlungswissenschaftler:innen einen wichtigen Beitrag zu den unmittelbaren Erfordernissen ergotherapeutischer Praxis beitragen kann.  
Du fragst dich was der Homo occupatio ist? „Der Homo occupacio ist ein selbstorganisierendes System, das auf spezifische Anforderungen der Umwelt reagiert, indem es durch Beschäftigung eine adaptive Antwort schafft.“  

In dem Artikel mit dem vielsagenden Titel „Occupational Science“ setzt sich auch Ann Wilcock 1991 mit dem Konzept und Begriff „Occupation“ auseinander und stellt fest, dass „Occupation“ in der Ergotherapie viel genutzt und als Medium in der Ergotherapie eingesetzt wird.  
Jedoch gibt es bis dahin keine systematische Forschung darüber, was „Occupation“ sei. Folgende Kernaussage hält sie daher fest (übersetzt von uns für Euch ins Deutsche):

„Hätte sich die Ergotherapie getrennt von der Medizin entwickelt und ihre eigene, einzigartige Grundlage der Handlungswissenschaft besser herausgebildet, dann könnte man sie in Bezug auf Größe und Umfang mit den Natur-, Verhaltens- und Sozialwissenschaften gleichsetzen. Es besteht ein so großer und dringender Bedarf, ein Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Betätigung und Gesundheit zu entwickeln, dass es den Anschein hat, dass Ergotherapeut:innen eine Menge Arbeit vor sich haben, um ihre Existenz als Gesundheitswissenschaftler:innen mit Fachkenntnissen im Bereich der Beschäftigung zu rechtfertigen.“ 

Auch wenn es bis zum Jahr 1991 noch keine/wenig Forschung zum Thema „Occupation“ gab, wird heute weltweit zunehmend darüber geforscht. Im Artikel “Occupational science research and practice: A brief report on European perspectives based on an online-survey“, welcher von Clouston et al. (2019) erschienen ist, wird beschrieben, dass es starke Unterschiede hinsichtlich der Anzahl von handlungswissenschaftlichen Studien zwischen den einzelnen europäischen Ländern gibt und bisher keinen Überblick über die handlungswissenschaftlichen Forschungsaktivitäten in Europa.  
Das Wissenschaftskomitee von Occupational Science Europe führte daher eine Untersuchung zu diesem Thema durch. Die Teilnehmer:innen wurden 2017 bei der OSE Konferenz bzw. über die sozialen Medien eingeladen an einer Online-Erhebung teilzunehmen. Es nahmen insgesamt 54 Handlungswissenschafter:innen aus 15 Ländern teil. Das Ergebnis zeigte, dass bereits zahlreiche Forschungsprojekte zur Untersuchung von Betätigung stattfinden, wofür eine Vielzahl von Forschungsdesigns und -methoden angewandt wird. Im Rahmen der Umfrage wurde für die Weiterentwicklung der Handlungswissenschaften in Europa der Wunsch nach einer besseren Vernetzung zwischen den europäischen Handlungswissenschafter:innen und nach Interdisziplinarität genannt. Auch 2021 besteht europaweit der Wunsch die Verbindung der Handlungswissenschaften und der Ergotherapie zu vertiefen. Dazu wollen wir von AOS vor allem in Österreich, aber auch international beitragen. Einer von mehreren Schritten dazu ist eine verstärkte Vernetzung zwischen den Handlungswissenschafter:innen und den praktisch tätigten Ergotherapeut:innen. AOS lädt daher alle praktisch tätigen Ergotherapeut:innen  ein, sich mit Handlungswissenschafter:innen zu vernetzen und austauschen. 

Laut Mathias Möller (2016) wird in seinem Artikel „Occupational Science als interdisziplinäre theoretische Basis für die Ergotherapie im sich wandelnden Gesundheitssystem“ klar, was die Vergangenheit und Gegenwart zeigen. Nämlich dasselbe, wie in der Studie von OSE – dass die Ergotherapie Wissen und Theorien aus anderen Berufsgruppen braucht, um dieses mit eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu komplementieren und weiter zu wachsen. Dies bestätigt, einerseits die Relevanz der interdisziplinären Zusammenarbeit sowohl in der Praxis als auch Forschung und andererseits den Wert der Erkenntnisse der Bezugswissenschaften – wie der Occupational Science für die Ergotherapie.  Jedoch erfordert Interdisziplinarität ein gewisses „Thinking outside the Box!“, den Mut Neues zu schaffen und Grenzen zu überschreiten. Dies kann gelingen, indem mehr Wissen über nicht medizinische, persönliche und Umgebungsfaktoren generiert und der Blick weg von der Krankheit hin zur Gesundheit und den persönlichen Stärken gerichtet wird.  

Auch wenn im Praxisalltag eine gewisse Routine in die tägliche Arbeit kommt, haben Ergotherapeut*innen stets den Auftrag im Sinne des Professionellen Reasonings das eigene Tun zu reflektieren, zu verändern, aber auch Neues auszuprobieren. So hat es jeder selbst in der Hand den Menschen als „Occupational Being“ handlungswissenschaftlich zu hinterfragen und gleichzeitig nie den physisch vor mir stehenden/sitzenden Menschen in seiner Vielfalt zu vergessen. 

Neben Interdisziplinarität gelten auch internationale Kooperationen in der Occupational Science als zentral, um Wissen zu menschlicher Handlung und den Menschen als Handelnden zu generieren. Der University of Southern California (USC) kommt in der Internationalen Entwicklung der Occupational Science dabei eine besondere Rolle zu.  
Hierzu möchten wir mit Euch gerne eine Videoempfehlung teilen: https://youtu.be/wsV5VzlahkA
Das Video wurde anlässlich der Feierlichkeiten zum dreißigjährigen Bestehen der Handlungswissenschaft an der USC aufgenommen. Pionier:innen der Profession berichten dabei über ihre Vision und die Herausforderungen in den ersten Jahren! Viel Freude beim Ansehen!  

Ihr kennt weitere spannende Literaturquellen oder Videobeiträge zur Occupational Science? Wir freuen uns, wenn Ihr diese Empfehlungen als Kommentar mit uns teilt.  

Quellenangaben

Clouston, T. J., Avrech Bar, M., Dür, M., Jones, J., Ilper, N., Kristensen, H. K., & Whitcombe, S. W. (2019). Occupational science research and practice: A brief report on European perspectives based on an online-survey. Journal of Occupational Science26(2), 329-335.

Costa, U. (2010). Freiheit und Handlung–Handlungsfreiheit. Eine handlungswissenschaftliche Betrachtung.

Christiansen, C., & Townsend, E. A. (2009). Introduction to occupation: The art of science and living.

Dennhardt, S., Marotzki, U., Röse, K., Schiller, S. & Tschaggeny, D. (2019). Ein Mission Statement für die deutsche Occupational Science Arbeitsgruppe (dOS): Perspektiven und Visionen für die (Weiter)entwicklung der Occupational Science in Deutschland. ergoscience, 14(2), 82–83.

Kranz, F. (2017). Betätigung verstehen: Occupational Science. ergopraxis (10), 12–13.

Kranz, F. (2018). Occupational Justice-Recht auf Betätigung. ergopraxis11(02), 10-11.

Kraxner, M., Außermaier, H., Costa, U., Jäger, M. & Kälber, S. (2019). Ergotherapie mit und für Menschen mit Fluchterfahrung. Broschüre des Bundesverbandes der Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten Österreichs, Wien.

Möller, M. (2016). Occupational Science als interdisziplinäre theoretische Basis für die Ergotherapie im sich wandelnden Gesundheitssystem. Praxis Ergotherapie, (6).

Reed, K. L. (2015). Key occupational therapy concepts in the person-occupationenvironment-performance model: their origin and historical use of the occupational therapy literature. Occupational Therapy: Performance, Participation, and Wellbeing, 565-648.

WFOT (World Federation of Occupational Therapists) (2010). Position Statement on Human Rights. Forrestfield AU: World Federation of Occupational Therapists; https://www.wfot.org/resources/occupational-therapy-and-human-rights

WFOT (World Federation of Occupational Therapists) (2012). Position Statement on Occupational Science. Forrestfield AU: World Federation of Occupational Therapists. https://www.wfot.org/resources/occupational-science

Yerxa, E. J. (2000). Occupational science: A renaissance of service to humankind through knowledge. Occupational Therapy International7(2), 87-98.

Occupational Science – Gesellschaften dieser Welt

Katrin Pechstädt, Magdalena Schlögl, Miriam Berger, Thomas Morgenthaler, Anna Röschel

Zurück in Österreich von unserer medialen Sommerreise möchten wir Euch eine Zusammenfassung darüber bieten, welche OS-Gesellschaften ihr weltweit finden könnt. Während wir bei unserer Sommerreise in den Social-Media-Kanälen Österreich als Ausgangspunkt unserer Reise gewählt haben und davon ausgehend in immer größer werdenden Kreisen die Welt erkundet haben, möchten wir Euch hier die Entwicklung der OS-Gesellschaften nun in chronologischer Reihenfolge vorstellen:

Alles begab mit der Gründung der Zeitschrift Journal of Occupational Science (JOS) 1993 durch die Australierin Dr. Ann Wilcock.

Im Jahr 1999 wurde dann mit der International Society of Occupational Science (ISOS) ein weltweites Netzwerk geschaffen, das sich mit Forschung und Ausbildung im Bereich der Handlungswissenschaft befasst. ISOS wurde im Rahmen der OT Australia National Conference in Canberra von 32 Ergotherapeut:innen gegründet, um ein internationales Netzwerk ins Leben zu rufen, das sich mit der Erforschung von Handlung mit dem Blick auf gesellschaftliche Themen beschäftigt.
In den letzten 20 Jahren wurden von ISOS weltweit Workshops, Symposien als auch Konferenzen zu aktuellen Themen der Handlungswissenschaft angeboten, die das Ziel hatten, internationale Zusammenarbeit im Bereich der OS in Politik und Praxis allgemein und im Speziellen imBereich der Forschung zu fördern, sowie die OS in den Curricula von Ausbildungen zu verankern.

Bereits kurz darauf, im Jahre 2000, wurde auf dem Australasian Occupational Science Symposium an der Charles Sturt University, Albury, die Australasian Society of Occupational Scientists (ASOS) gegründet. ASOS dient als Netzwerk für Handlungswissenschaftler:innen aus Australien und Neuseeland und verfolgt das Ziel, die Handlungswissenschaft in Australasien zu fördern. Dabei steht der interdisziplinäre Austausch über den Zusammenhang von Handlung, Gesundheit, Wohlbefinden und sozialer Gerechtigkeit genauso im Zentrum der Arbeit, wie die Erweiterung der Forschungstätigkeiten im Bereich Occupational Science in Australasien und die Förderung der OccupationalScience innerhalb der Profession, Community und Politik.

Ein weiteres Jahr später wurde 2001 die Canadian Society of Occupational Scientists (CSOS) in Kanada ins Leben gerufen. Neben der Förderung der Wissenschaft und der Schaffung von Möglichkeiten zur Vernetzung ist es ein Ziel von CSOS, Occupational Science auch für die Öffentlichkeit verständlich zu machen. Jährlich findet von CSOS ein mehrtägiges Symposium statt, bei welchem sich die Gesellschaft über aktuelle, handlungswissenschaftliche Themen austauscht – beispielsweise gemeinsam mit dem Studiengang Soziologie zum Thema „Einordnung von Occupation in die Gesellschaft“.

Der internationalen Entwicklung in den englisch-sprachigen Ländern folgend fand 2002 die Gründung der Society for the Study of Occupation: USA (SSO:USA) statt. Seit 2002 hält die SSO:USA eine jährliche Konferenz in den USA ab. Im Jahr 2019 hat SSO:USA ein Positionspapier veröffentlicht, um den Zusammenhang zwischen Ergotherapie und Occupational Science zu verdeutlichen.

2004 gab es dann innerhalb eines Projektes erste Ansätze, um die OS in die europäische Forschungslandschaft zu integrieren, welches vom Europäischen Netzwerk für Ergotherapie in der Hochschulbildung (ENOTHE) initiiert wurde und zwischen 2004-2008 durchgeführt wurde. Durch ECOTROS ist es gelungen, die Kommunikation zwischen (potenziellen) Forscher:innen im Bereich OT und OS zu verbessern und über verschiedene Wege Informationen zur Occupational TherapyReserach (OTR) und Occupational Science (OS) an diese Zielgruppe zu vermitteln.

Ab Mitte der 2000er Jahre entstanden im Rahmen von Veranstaltungen für Studierende international mehrere OS-Gesellschaften. Den Anfang damit machte 2006 die Japanese for Study of Occupation (JSSO). Vor der Gründung von JSSO gab es bereits seit 1995 ein jährlich stattfindendes OS-Seminar, das “Japanese OccupationalScience Seminar” (JOSS). Aus diesem hat sich die Gesellschaft schließlich entwickelt, damit Gleichgesinnte besser Ideen zum Thema OS diskutieren können.

Dabei verfolgt JSSO einerseits das Ziel, OS in Forschung und Bildung in Japan zu fördern und so das Phänomen Handlung (“occupation”) interdisziplinär zu erforschen. Andererseits ist JSSO durch die (inter-)nationale Vernetzung bestrebt Themen der OS, Gedanken und Ideen der OS in Forschung, Bildung und Politik einzubringen.

Eine ähnliche Entwicklung gab es zwischen 2006 und 2008 in Chile: Im Rahmen einer Vorlesung zum ThemaOccupational Science im Jahr 2006 an der University of Southern California schlägt Professorin Erna Blache die Gründung einer Gesellschaft für Occupational Science vor. Ihre Student:innen zeigten Interesse und waren sofort von der Idee begeistert. 2008 gelang es einer Gruppe von Alumnis dieses Studiengangs, das erste Treffen der Sociedad Chilena de Ciencia de la Ocupación (SoChCO) in die Wege zu leiten. Seitdem verfolgt SoChCO Ziele rund um die wissenschaftliche Entwicklung der Mitglieder, unterstützt die Verbreitung von Erkenntnissen der Occupational Science und dient als Bindeglied zwischen internationalen OS-Gesellschaften.

Im Jahr 2010 ist mit der Gründung vom Occupational Science Europe (OSE) das Thema OS endgültig in Europa gelandet. Seitdem verfolgt OSE das Ziel, die Handlungswissenschaft auch innerhalb Europas zu stärken und Handlungswissenschaftler:innen in Europaund international miteinander zu vernetzen. Derzeit gibt es vier Komitees, die gemeinsam mit dem Vorstand von OSE Maßnahmen zur Stärkung der Handlungswissenschaft und zur Vernetzung von Handlungswissenschaftler:innen definieren, planen und umsetzen.

Ebenfalls in Europa wurde 2016 dann Research of Occupational Therapy and Occupational Science (ROTOS) als einer der drei Schwerpunkte von OT-Europe (COTEC, ENOTHE, ROTOS) beschrieben. Der Praxis- und Bildungsschwerpunkt von OT-Europe ist bereits gut etabliert, ROTOS hingegen wurde erst im Jahr 2020 als Stiftung in den Niederlanden gegründet. Bereits 2016 hat das ROTOS-Komitee, der jetzige Stiftungsrat, die Vision, die Ambitionen sowie den strategischen Plan bis 2023 formuliert. Dabei möchte ROTOS die Vernetzung zwischen der europäischen Gemeinschaft der Ergotherapeut:innen und Handlungswissenschaftler:innen in der Forschung zu stärken und OS in Europa besser etablieren. Im Vorstand von ROTOS sind daher„Verbindungsmitglieder“ zu COTEC und ENOTHE aus (fast) allen Himmelsrichtungen von Europa (Belgien, UK, Irland, Griechenland, Kroatien und den Niederlanden) zusammensetzt⁠.

In Kooperation mit Occupational Science Europe (OSE) organisierte und veranstaltete eine Gruppe von engagiertendeutschen Ergotherapeut:innen 2017 erstmalig eine OS-Konferenz auf europäischem Festland, genauer gesagt in Hildesheim. Aus dieser Gruppe entstand in Folge des Kongresses die deutschsprachige Occupational Science Gruppe (dOS). Sie trifft sich seitdem regelmäßig und diskutiert und gestaltet die Occupational Science im deutschsprachigen Raum.

Ebenfalls als sprachbezogene Gruppe wurde 2019 Société Francophone de Recherche sur les Occupations (SFRO) mit Hauptsitz in Lausanne (Schweiz) gegründet. SFRO ist die französische, internationale und interdisziplinäre Handlungswissenschaftsgesellschaft, welche die interdisziplinäre Forschung im Bereich der Handlungswissenschaft (Occupational Science) im französischsprachigen Raum fördern möchte und daher Wissen über den Zusammenhang zwischen Handlung, Gesundheit und Wohlbefinden (Occupational Science) in französischer Sprache mit verschiedenen Zielgruppen (z. B. Stakeholder, Professionsangehörige des Gesundheits- und Sozialwesens) teilt. Zudem gibt es Kooperationen mit anderen internationalen Handlungswissenschaftsgesellschaften.

Zeitgleich wurden weitere sprachbezogene Gruppen in Europa gegründet, welche die aus dem englischen Sprachraum stammenden Konzepte der Occupational Science sprach- und landesbezogen diskutieren.

2020 wurde mit der konstituierenden Sitzung die Austrian Association of Occupational Science (AOS) ins Leben gerufen, der erste Vorstand am 21.01.2021 gewählt und damit die Vereinstätigkeiten aktiv aufgenommen. Uns ist es wichtig, die Handlungswissenschaft in Österreich zu etablieren und dabei besonders Euren Wünschen an uns nachzukommen. Von Euch wurde einerseits der Wunsch nach Vernetzung und nach Öffentlichkeitsarbeit genannt. Daraus folgt für uns, dass wir mit vielen der genannten OS-Organisationen zusammenarbeiten und Euch immer Up-to-Date Informationen aus der internationalen Welt der OS weitergeben, ohne die Entwicklung der OS in Österreich aus den Augen zu verlieren.

Begriffe der OS im Kontext von Covid-19

Katrin Pechstädt, Magdalena Schlögl, Miriam Berger, Kristina Weishäupl, Melanie Kriegseisen-Peruzzi, Daniela Schlager-Jaschky

Wenn diese Pandemie auch nur etwas Gutes hat, dann, dass sie gezeigt hat, wie sich Tätigsein und (Nicht-)Tätigsein-Können auf unser Leben auswirken. Die Begriffe, die in den Handlungswissenschaften („Occupational Science“) zuvor diskutiert wurden, waren für alle beobachtbar und erlebbar. Wir haben daher die COVID-19-Pandemie zum Anlass genommen, um Euch die gängigsten Begriffe rund um „Occupational Science“ hier zu erklären. Viel Spaß beim Lesen!

Kochst Du heute Abend selbst oder bestellst Du Pizza? Gehst Du in Deiner Freizeit lieber in die Berge oder in die aktuelle Ausstellung? Arbeitest Du als Ergotherapeut:in angestellt oder freiberuflich? Erholst Du Dich lieber bei Yoga oder mit einem Buch?

Wir sind gewohnt, unsere Handlungen des Alltags prinzipiell selbst zu wählen (Occupational Choice). Selten ist uns dabei bewusst, dass neben intrinsischen Faktoren, wie individuellen Fähigkeiten oder persönlicher Motivation, auch extrinsische Faktoren bei der Wahl unserer Handlungen eine wichtige Rolle spielen. So haben auch sozio-kulturelle, ökonomische und politische Faktoren Einfluss auf unsere Occupational Choices, da diese Faktoren den größeren Rahmen für unsere Wahlmöglichkeiten bilden. Seit Beginn der Pandemie ist dieser Rahmen deutlicher spürbar und beeinflusst maßgeblich, was wir wie, wann, wo und mit wem tun. 

Welchen Einfluss die Umwelt auf unseren Alltag hat, haben bereits ergotherapeutische Modelle wie das OPM (Chapparo & Ranka, 1997) und PEO (Law et al., 1996) ersichtlich gemacht. In OPM wird zwischen sozialer, physischer, sensorischer und kultureller Umwelt unterschieden, während im PEO eine Überschneidung von Person, Umwelt und Betätigung – die sogenannte Betätigungsperformanz, dargestellt wird. Umweltfaktoren – soziale, physische, sensorische, kulturelle Faktoren – beeinflussen unser alltägliches Handeln, unsere Handlungsmöglichkeiten sowie unsere Handlungsrollen und wirken sich dadurch auf unsere Gesundheit, Lebensqualität und unser Wohlbefinden aus. 

Aufgrund der COVID-19-Pandemie veränderten sich für viele beispielweise die Umweltfaktoren hinsichtlich ihrem Arbeitssetting. Menschen, verbringen seither viel Zeit im Homeoffice und haben dadurch anderen Umweltbedingungen, welche sich wiederum auf ihr Handeln auswirken. 

Aber nicht nur die Umweltbedingungen haben sich verändert, sondern auch die Routinen vieler Menschen, die in unserem Leben 4 wichtige Funktionen (Clark, 2000) erfüllen: Einerseits erhöhen sie Deine Handlungsfähigkeit dadurch, dass sie sich mehr auf die Ausführung der Handlung als auf die Handlungsabfolge konzentrieren. Du konzentrierst Dich also mehr darauf, wie Du etwas tust, als darauf, in welcher Reihenfolge welche Handlungsschritte nötig sind. Andererseits sind sie durch die sehr hohe Effizienz in der Durchführung sehr ökonomisch und dadurch weniger anstrengend. Weiter kann man durch das automatisierte Handeln besser auf neue, unvorhersehbare Einflüsse reagieren, die während der Routine auftreten. Generell fordern sie schlicht weniger von Deiner Aufmerksamkeit und damit weniger Energie in der Ausführung einer Handlung

Das ist auch wichtig im Alltag und hier werden wir durch COVID-19 vor besondere Herausforderungen gestellt: Unsere Routinen mussten sich oft verändern. Vielleicht ist deine Morgenroutine die gleiche geblieben, aber deine Arbeitsroutinen haben sich verändert oder genau umgekehrt. Es scheint jedenfalls so, dass es umso schwerer ist, Routinen zu ändern, je mehr Bedeutung wir und unsere Familie dieser Routine beimessen (Segal, 2004).

Entsprechend sind Routinen nicht nur dazu da, dass wir ein Ziel erreichen (Kinder in die Schule schicken oder satt sein nach der Osterjause), sondern sie vermitteln ein Zusammengehörigkeitsgefühl und schaffen damit eine Familienidentität (Segal, 2004). Gerade daher ist es wichtig, jetzt für uns und unsere Klient:innen Routinen so gut es geht zu erhalten oder diese so neu zu organisieren, dass deren identitätsstiftende Bedeutung erhalten bleibt.

Aber nicht nur unsere Routinen wurden durch die Pandemie herausgefordert, auch unsere Betätigungsrollen (Occupational Roles) haben sich verändert. Christiansen und Baum (1997) definierten Occupational roles als eine Reihe von Verhaltensweisen, die eine gesellschaftlich vereinbarte Funktion haben und für die es einen akzeptierten Normenkodex gibt.  Heard (1977) behauptete, dass unsere Occupational roles die täglichen Aktivitäten definieren, ebenso wie unser Gefühl, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und gesellschaftlich wertvoll zu sein.  Daher gewinnen wir durch unsere Occupational roles und das, was wir tun, ein Gefühl für uns selbst und bilden unsere (Handlungs)identität (Occupational identity). 

Umgemünzt auf den praktischen Alltag sind z.B. die wichtigsten Occupational Roles für ein Kind die Handlungsrollen als Lernende:r, Spielkamerad:in, Tochter/Sohn und unabhängiges Individuum. In Zeiten von COVID-19 erfahren diese Occupational Roles aufgrund der verordneten Maßnahmen zum Teil eine deutliche Einschränkung und Veränderung. Durch externe Umstände können diese Handlungsrollen nur zum Teil oder gar nicht mehr eingenommen werden. Allerdings eröffnet die Zeit der Pandemie auch neue Handlungschancen und dadurch die Möglichkeit, neue Handlungsrollen einzunehmen.

Ergreifen wir diese neuen Chancen, können wir auch unsere Betätigungsidentität (Occupational Identity) verändern. Kielhofner (2002) definierte den handlungswissenschaftlichen Begriff Occupational Identity, welcher beschreibt, was eine Person durch ihre Rollen, Werte und Beziehungen prägt. Darüber hinaus erweitert sich das Wissen über die eigenen Fähigkeiten, Ziele und Wünsche unumgänglich. Die Occupational Identity dient als Mittel der Selbstdefinition. 

Weltweit erleben wir aufgrund der COVID-19-Pandemie alle einen Wandel unserer Occupational Identity, welcher oftmals auch Gefühle der Unsicherheit hervorruft. Wir definieren uns häufig über ein Studium oder die Arbeit. Ich arbeite, also bin ich?! In einer Zeit, in der viele Menschen ihre Anstellung verlieren oder eine Veränderung der Arbeitsbedingungen erleben (Home Office, virtuelle Meetings, Kurzarbeit, Arbeit und Kindererziehung unter einen Hut bringen), stellt sich allerdings manchmal ein Gefühl des Identitätsverlustes ein. Es kann zu Belastungen durch angespannte finanzielle Verhältnisse und Verlust von gewohnten sozialen Kontakten kommen.

Jedoch ist unser Job nicht das, was wir sind, sondern das, was wir tun. Wir können unseren Blick auf bereits vorhandene nicht-berufliche Rollen richten z.B. ehrenamtliche Arbeiten oder neue Hobbys. Denn Menschsein bedeutet immer mehr und hat viele unauslotbare Ebenen. Unsere Occupational Identity wird durch unterschiedlichste Handlungsrollen, Werte und Beziehungen geprägt, welche uns in unserem Alltag unterschiedlichste Handlungsmöglichkeiten und -chancen bieten.

Egal welche Tätigkeiten unsere Betätigungsrollen und -identität prägen, so gilt es doch eine ausgewogene (Betätigungs-)Balance im Leben zu finden. Das ist unglaublich wichtig, um die Gesundheit zu fördern und einen gut funktionierenden Alltag zu (er-)schaffen. Das erweist sich in der Praxis jedoch nicht immer als einfach, oder?

Unsere Betätigungsbalance (Occupational Balance) stellt stets eine Herausforderung im Alltag von uns Menschen dar. Das Leben bringt immer wieder Überraschungen mit sich, was es teils schwer macht, eine gesunde Balance zwischen Selbstversorgung, Ruhe/Erholung, Produktivität und Freizeit zu finden. Erinnere Dich daher immer wieder daran, dass es um die QUALITÄT der verbrachten Zeit geht und nicht um die QUANTITÄT.

In den meisten Fällen ist alles, was es braucht, eine Steigerung der Absicht und Achtsamkeit, während man sich mit den Tätigkeiten beschäftigt. In der Literatur gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs Occupational Balance (Anaby et al., 2016). Des Weiteren wird Occupational Balance oftmals in Verbindung mit oder als Synonym für die Work-Life-Balance verwendet (Matuska, 2012; Wagman et al., 2012), wobei der Begriff Occupational Balance ganzheitlicher gesehen wird.

Eine mögliche Erklärung hat Backman (2011) verschriftlicht: Menschen führen viele verschiedene Handlungen aus, wovon sie manche lieber tun als andere, und gewisse Handlungen einfach gemacht werden „müssen“. Laut Wilcock (2006) ist es ein Betätigungsgleichgewicht, welches zum Wohlbefinden führt. Komplementiert wird diese Aussage damit, dass jede Person ein eigenes Verständnis davon hat, wie die individuelle optimale Occupational Balance aussieht (ENOTHE, 2007).

Die abrupte Unterbrechung unseres gewohnten Alltages durch den Lockdown hatte zur Folge, dass unsere gewohnte Balance aus dem Gleichgewicht gekommen ist (Occupational Imbalance). Reduzierung der sozialen Kontakte, Ausgangssperre, geschlossene Restaurants, Hotels, Fitnesscenter, Museen, Kinos, etc. haben Auswirkung auf unsere physische und psychische Gesundheit. Um ein erfülltes Leben zu genießen, ist es in dieser speziellen Zeit die Herausforderung von uns allen, Selbstversorgung, Ruhe/Erholung, Produktivität und Freizeit in unserem Alltag ins Lot zu bringen, umeine ausgeglichene Occupational Balance zu erleben.

Veränderungen sind für viele Menschen schwierig. Vielen fällt es schwer sich daran zu gewöhnen, dass man die Büroarbeit jetzt nicht mehr im Büro macht, sondern vom Home-Office aus. Den Prozess der Betätigungsveränderungen im Alltag und daher in verschiedenen Lebensbereichen eine „Occupational Transition„.⁠ Laut Crider et al (2014) ist eine „Occupational Transition“ gekennzeichnet von einer „Occupational Dysbalance“, weil man sich erst an die neue Situation anpassen muss. Diese bleibt so lange bestehen, bis eine Adaptierung an die neue Situation stattgefunden hat. Und obwohl die Anpassung an die neue Situation von individuellen Faktoren abhängt, gibt es einige förderliche Faktoren laut Crider et al (2014): ⁠

Das Erinnern an positive, vorherige Transitionserfahrungen und das Wissen, was in der neuen Situation erwartet wird⁠, sowie ein positives Denken und die Akzeptanz der Veränderung wirken sich positiv auf den Anpassungsprozess aus. ⁠Unterstützend wirkt auch eine gute Passung von Menshc- Person und Umwelt in der neuen Lebensituation („Occupational Fit“). Das schließt auch die Unterstützung der sozialen Umwelt (beteiligte Institutionen, persönliches oder soziales Umfeld und deren Einstellung und Hilfestellungen)⁠ mit ein. Zudem ist eine kontinuierliche Ausführung von gleichbleibenden Betätigungen über den Transitionsprozess hinweg wichtig, um eine Verbindung zwischen „der Vergangenheit“ (Situation vor der Transition) und der neuen Situation („the New Normal“)⁠ und damit ebenfalls den Transitionsprozess zu unterstützen.

Dabei ist anzumerken, dass diese Betätigungsanpassung (Occupational Adaption) nicht immer einfach ist, wie das folgende Beispiel zeigt:

Alex ist 16 Jahre alt und besucht die zweite Klasse Oberstufe eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums. Der ausgezeichnete Schüler geht ausgesprochen gerne in die Schule, er ist beliebt und hilfsbereit. Den Umstieg auf das „Home-Schooling“ im Zuge des ersten Lockdowns schafft er zunächst problemlos. Ab Mitte Mai 2020 steht Alex morgens nur mehr schwer auf, er ist tagsüber energielos. Der Klassenvorstand meldet an die Eltern, dass Alex in den vergangenen beiden Wochen keine Hausübungen einreichte und im Online-Unterricht nicht mehr „greifbar“ sei. Darauf angesprochen weint er und beschreibt das Gefühl, „von der Welt vergessen, lebendig begraben“ zu sein.

Unterstützt von seinen Eltern findet Alex ein Online-Tool, mit dem man parallel zum Unterricht kommunizieren kann. Kurzerhand macht er es in seiner Klasse publik und tut nun wieder das, was er am liebsten tut: über Kommunikation lernen und andere dabei auch noch „mitnehmen“. Innerhalb weniger Tage verändert sich Alexs Zustand, er steht pünktlich auf, erledigt innerhalb weniger Tage alle Hausübungen. Mit dem zweiten Lockdown startet Alex in der Schule den Aufruf, das „Schwätz-Tool“ wieder gemeinsam zu nutzen. Bis heute geht es Alex psychisch wie physisch gut.

Alex hat es geschafft, auf die sozialen, zeitlichen und räumlichen Umweltveränderungen mit passenden Handlungen zu reagieren. Seine Handlungsperformanz in seiner für ihn substanziellen Handlungsrolle als Klassenkamerad und Lernbegleiter ebenso wie seine Betätigungsbalance beschreibt er als subjektiv “gut“ und meint „sein Leben gehöre wieder ihm“. Der innere Prozess des Anpassens ebenso wie das erfolgreiche Nutzen von alternativen Handlungsmöglichkeiten sind im Begriff der Occupational adaption (Handlungsanpassung) vereint. Die in allen Lebensaltern relevante Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Anpassungs- sowie Handlungsfähigkeit in herausfordernden Lebenssituationen begünstigen Resilienz und damit Gesundheit. 

Gerade am Beginn der Pandemie stand vor der Anpassung an die neue Situation die Wahrnehmung der Veränderung in den Handlungsmustern, -abläufen und -rollen. Diese wird als „Occupational Disruption“ bezeichnet und bedeutet, dass es zu einer temporären Unterbrechung von gewohnten Handlungen und Handlungsrollen sowie zu einer Veränderung der Handlungsmöglichkeiten kommt.

Occupational disruptions ereignen sich häufig und in unterschiedlichen Kontexten. Durch ihre zeitliche Begrenzung sind sie in vielen Fällen allerdings gut kompensierbar. Erschwert wird eine Occupational disruption, wenn sie zeitlich nicht eingegrenzt werden kann oder durch sie unfreiwillige, nachhaltige Rollenveränderungen drohen, wie das in der Pandemiesituation gerade der Fall ist:

Michael, 48, ist Pilot. Nach der weitgehenden Einstellung der meisten Linienflüge durch Covid 19 wird er von seiner Fluglinie in Kurzarbeit geschickt. Damit wird seine „Fliegerei“ nach fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal und unfreiwillig unterbrochen. Während der ersten fünf Wochen seiner Betätigungsunterbrechung (Occupational disruption) genießt er die medial allgegenwärtige „Entschleunigung“. 

Ab Anfang Mai fühlt er sich unwohl, ruhelos, getrieben. Er berichtet von Ein- und Durchschlafproblemen. Obwohl er weiß, dass er durch seine Position als erfahrener Pilot und Ausbildner in der Zeit nach dem Lockdown wieder arbeiten wird, beschreibt er sich als nervös, zeitweise besorgt. Unterschiedliche Aktivitäten, die er ehrenamtlich übernimmt, beispielweise den Einkaufsdienst für die älteren Nachbarn in seiner Straße oder Online-Nachhilfe für Mitschüler:innen seiner Kinder, empfindet er als wertvoll und ablenkend. Er hofft aber gleichzeitig, dass diese Aktivitäten nicht zu seiner „neuen Normalität“ werden. Das Fliegen, die Distanz zu seiner Familie und das regelmäßige „Wieder-Heim-Kommen“, das Gefühl der eigenen Wirksamkeit im Umgang sowohl mit der Flugzeugtechnik als auch mit den Crewmitgliedern und den Kolleg:innen der Flugsicherheit fehlt ihm. 

Die so mögliche Betätigungsdeprivation (Occupational Deprivation) ist der Zustand, in dem Menschen daran gehindert oder davon ausgeschlossen werden, an notwendigen, obligatorischen und selbst gewählten Tätigkeiten teilzunehmen und sich zu engagieren. Occupational deprivation hat daher schwerwiegende Folgen – sie reduziert die Fähigkeiten der Menschen und beeinträchtigt die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität erheblich. Whiteford (2000) beschreibt in seiner Studie Occupational deprivation als einen Zustand, in dem Menschen aufgrund von Faktoren, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, von der Möglichkeit ausgeschlossen sind, bedeutungsvolle Aktivitäten auszuüben.

Ashley Scott (2020) schrieb in ihrem Artikel darüber, wie sich Occupational deprivation auf die mentale Gesundheit auswirkt. So meint sie, dass Handlungen und bedeutungsvolle Aktivitäten den Kern des psychischen Wohlbefindens ausmachen und eine Occupational deprivation eine Vielzahl von Folgen mit sich bringt, wie z. B. Angstzustände, Depressionen und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit.

Der handlungswissenschaftliche Begriff Occupational deprivation (Betätigungsdeprivation) wird durch die aktuelle Covid-19-Krise deutlich greifbar und für viele Menschen, durch die uns alle betreffenden Ausgangsbeschränkungen, Quarantänebestimmungen, geschlossenen Geschäfte und Restaurants, sowie Home-Office-Verordnungen, spürbar. Durch die aktuellen Schutzmaßnahmen kommt es zu Veränderungen unseres gewohnten Betätigungsverhaltens, zu Einschränkungen in der Ausführung einzelner Handlungsinteressen und zu einer möglichen Betätigungsimbalance, was wiederrum zu einer Occupational deprivation führen kann. 

Aber nicht nur das Nicht-Ausführen-Können, sondern auch das Gefühl von eigenen, bedeutungslosen und unbefriedigenden Handlungen, meist verbunden mit dem Gefühl der Ohnmacht, die Situation zu verändern, belastet in dieser Zeit. Diese Gefühl wird als Betätigungsentfremdung (Occupational Alienation) bezeichnet und kann gut am Beispiel von Hannes verdeutlicht werden:

Hannes ist 78 Jahre, hat Polyarthrosen, aktuell akute Schmerzen und sitzt an seinem Küchentisch – vor sich sein neues Tablet, ein Geschenk seiner Enkel, um dem Großvater eine Möglichkeit zu geben, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Hannes zur Ergotherapeutin: „Das Ding da hätt´ ich nicht gebraucht. Mit so was hab ich noch nie was am Hut gehabt. Wär´ gescheiter gewesen, sie hätten sich um ihr Geld was anderes gekauft. Bis ich lerne, wie ich mit dem umgehe, bin ich tot.“ Der Plan seiner Enkel war, ihrem Großvater mit dem Tablet Möglichkeiten für einen virtuellen Austausch mit Familienmitgliedern und Raum für Freizeitaktivitäten mit seinen Kartenfreunden zu geben. Die Stimmung ist mittlerweile etwas angespannt, Hannes kann sich mit „dem Ding“ nicht anfreunden. Gleichzeitig möchte er seine Familie nicht verletzen, seine Freunde versuchen, ihm Mut zu machen.

 Was Hannes zu schaffen macht ist eben die genannte Betätigungsentfremdung (occupational alienation): er ist aktuell nicht in der Lage, das Tablet zu bedienen, erkennt seine unzureichende Handlungsperformanz und kann die Situation für sich selbst nicht zufriedenstellend lösen. Das Durchführen von Handlungen, die mit den eigenen Fähigkeiten und Ressourcen nicht übereinstimmen oder zu denen der betroffene Mensch keinen persönlichen Bezug hat, lösen Gefühle der Machtlosigkeit, Frustration und Entfremdungsgefühle in Bezug auf das soziale Umfeld oder auch auf das Selbst aus. Das Erleben reduzierter Selbstwirksamkeit kann sich unmittelbar auf das individuelle Wohlbefinden und damit auf die Gesundheit und die Lebensqualität auswirken.