„Person, Environment and Occupation (PEO) – Schnittstelle zwischen Ergotherapie und Occupational Science“

Katrin Pechstädt

Das PEO-Modell von Law et al. (1996) ist eines der ältesten ergotherapeutischen Modelle. Es hat die Welt der Ergotherapie wie ein Erdbeben getroffen und seitdem ist es für Ergotherapeut:innen wohl das bekannteste und meistzitierte Inhaltsmodell. Bis heute hat somit die „Urmutter aller Modelle“ nicht an Gültigkeit verloren und dient weiteren Modellen als Grundlage (z.B. CMOP-E). Mit dem PEO-Modell wurden somit bereits 1996 die Begriffe „Occuaptional Fit“ und „Occupational Performance“ geprägt. Zwei Begriffe, die bis heute zentral für die Ergotherapie sind. Aber auch handlungswissenschaftlich betrachtet liefert das PEO-Modell eine gute Grundlage, um sich mit den Grundannahmen der Ergotherapie und dem Verständnis von „Person“, „Umwelt“ und „Occupation“ zu beschäftigen.

„Wer bin ich?“ oder auch “Was macht Menschsein aus?” Zentrale Fragen und noch dazu so philosophisch! Tatsächlich ist die Ergotherapie bzgl. ihrer Grundannahmen nicht weit weg von der Philosophie – prägt doch ein humanistisches Menschenbild die Ergotherapie (Reed and Sanderson, 1999). Weiter geht die Ergotherapie davon aus, dass der Mensch ein einzigartiges Wesen ist, mit individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Diese holistische Betrachtungsweise macht die Praxis spannend – aber Ergotherapie auch komplex. Neuere Modelle stellen dabei nicht nur den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt, sondern definieren „Person“ als Gruppe von Menschen, z.B. eine Nachbarschaft, Gemeinde oder auch Mitglieder einer Organisation. Das macht die Betrachtung noch mal komplexer. Auch Handlungswissenschaftler:innen, die Menschen als Handelnde erforschen, betrachten philosophische oder soziologische Zugänge und stellen sich immer wieder aufs Neue die Frage: „Was ist eine Person? Wer ist der:die Handelnde?“ 

Eine weitere Grundannahme der Ergotherapie ist, dass der Mensch in ständigem Austausch mit seiner Umgebung steht (Reed and Sanderson 1999). Dabei besteht die Umwelt aus verschiedenen Komponenten: u.a. der sozialen Umwelt, also den Menschen, die uns umgeben. Weiter beeinflussen uns sowohl klimatische wie auch andere Faktoren der physischen Umwelt: Wo lebe ich? In welchen Behausungen? Wie ist die Infrastruktur des Ortes, in dem ich lebe? Welche Ausstattung hat meine Behausung? Unter welchen sozioökonomischen Bedingungen lebe ich? Welche Gegenstände und Materialien verwende ich, um meinen Handlungsroutinen nachgehen zu können und meine Handlungsrollen auszuüben?
Gibt man als Therapeut:in Hausübungen, muss man diese Faktoren miteinbeziehen, damit diese auch ausgeführt werden können. Aber auch handlungswissenschaftlich ist die Betrachtung der Umwelt zentral und hat unter Berücksichtigung von Zugängen u.a. aus der Psychologie und der Soziologie zur Entwicklung handlungswissenschaftlicher Konzepte geführt: „Occupational justice“ oder „Occupational apartheid“, um nur zwei zu nennen. Welche weiteren Konzepte der Handlungswissenschaft stehen Deiner Meinung nach in enger Verbindung mit der Umwelt? Wir sind gespannt auf Deine Gedanken und Kommentare! 😉

Ein Mensch gestaltet im Tun seine Umwelt und die Umwelt gestaltet das Tun des Menschen. So einfach könnte man die Beziehung zwischen diesen beiden Elementen (Person & Umwelt) beschreiben, die auch zentrale (Forschungs-)Gegenstände der Handlungswissenschaft sind. Neben der Handlungswissenschaft beschäftigen sich auch viele andere Disziplinen mit dieser Wechselwirkung. In der Handlungswissenschaft beschränkt sich die Sicht, was Umwelt ist allerdings selten auf einen Aspekt der Umwelt. Die Beziehungen, die wir pflegen, die Netzwerke, die uns stützen, können genauso hinderlich oder förderlich sein, wie das Klima, unsere Wohnsituation oder Ausstattung. Ein handlungswissenschaftliches Konzept, das beispielweise die enge Beziehung zwischen Person und Umwelt gut beschreibt, ist “Occupational Adaptation” (Grajo et al., 2018). In der Ergotherapie werden aus genau diesem Grund nicht nur auf der Körperfunktions- und Handlungs- sowie Partizipationsebene angesetzt, sondern auch Umwelten evaluiert und adaptiert, um Handlungsmöglichkeiten zu erweitern bzw. Handlungsräume zu schaffen. Eigentlich ein Plädoyer für mehr Therapie im Hausbesuchskontext. Oder anders gesagt: Wie beeinflusst eine „künstliche“ Umgebung, wie eine Klinik oder eine Rehabilitationseinrichtung die Person-Umwelt- Interaktion beim (Wieder-)Erlernen von bedeutsamen “Occupations”?

Occupation“ meint in den meisten Fällen „Dinge, die Menschen tun müssen, tun wollen und von denen erwartet wird, dass sie sie tun“ (ISOS, 2009). Wilcock (1998) beschreibt “Occupation” als eine Synthese von „Doing, Being and Becoming“. Die deutschsprachige ENOTHE Arbeitsgruppe „Terminologie“ beschäftigte sich mit dem Begriff und definierte “Occupation” als „Komplex von Aktivitäten, der persönliche und sozio-kulturelle Bedeutung hat, kulturell definiert ist und die Partizipation an der Gesellschaft ermöglicht; [kann] den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und/ oder Freizeit zugeteilt werden“ (Weise et al., 2011). Übersetzt hat diese Arbeitsgruppe „Occupation“ gleich mit drei Begriffen: Handlung, Beschäftigung und Betätigung. Aus Sicht der Arbeitsgruppe können diese Begriffe allerdings nicht synonym verwendet werden (Weise et al., 2011): Hier wird festgehalten, dass der Begriff “Handlung” eher in der Schweiz und Österreich in Verwendung ist und in Deutschland eher das Wort „Betätigung“ gebräuchlich ist. Das Wort „Beschäftigung“ wurde kritisch gesehen, da es im Alltag sehr oft verwendet wird.

Eine weitere Grundannahme in der Ergotherapie, die auch die Occupational Science prägt, ist die Annahme, dass Menschen „Tätige Wesen“ sind. Sie wollen und müssen durch TUN mit ihrer Umwelt in Kontakt treten, um diese zu gestalten (Wilcock, 2006). Dabei gibt es hier – ähnlich wie mit der Umwelt – eine Wechselwirkung zwischen der „Occupationund Person: Das erfolgreiche Ausführen einer Betätigung oder Handlung (z.B. Skaten), wird Teil unseres Selbstverständnisses und dadurch unserer Handlungsidentität (ich bin jemand, der gern und gut skatet). Durch unser Tun (z.B. skaten) erfüllen wir somit u.a. gesellschaftliche (Handlungs-)Rollen (Skater:in sein). Gehen wir diesen Handlungsrollen erfolgreich nach, sind wir Teil einer Gruppe (Clique im Skatepark). Dieser Zusammenhang, der von Ann Wilcock (2006) beschrieben wurde und das Tätigsein und seine Auswirkungen auf den Menschen beschreibt, prägt bis heute nicht nur die Handlungswissenschaft und Forschung in der Occupational Science, sondern zeigt auch, wie wichtig es ist bedeutungsvolle Aktivitäten im Therapiealltag zu adressieren.

Allerdings geben uns Umweltbedingungen z.T. vor, welche „Occupations” wir ausführen können. Die Pandemie hat diesen Zusammenhang nochmals verdeutlicht. Wie Ausgangsbeschränkungen oder andere Schutzmaßnahmen unsere alltäglichen Handlungen in dieser Zeit beeinflusst haben und welche Konzepte der Occupational Science damit verbunden sind, findest Du zusammengefasst in einem Blogbeitrag auf unserer Homepage: https://tinyurl.com/2p8b5c49
Wer z.B. gerne am See baden geht, wird sich freuen, dass es jetzt wieder wärmer wird und die klimatischen Umweltbedingungen entsprechend so gestaltet sind, dass Schwimmen wieder möglich ist. Auch Aktivitäten, die ganzjährig möglich sind, wie Joggen oder Wandern, müssen an Umweltbedingungen – ggf. durch den Wechsel der Jahreszeiten – angepasst werden.

Spannend wird es, wenn man all diese drei Komponenten zusammenbringt: Wenn also eine Person eine „Occupation” in einer bestimmten Umwelt ausführt. Das Wechselspiel zwischen diesen drei Komponenten ist nämlich verantwortlich dafür, wie erfolgreich dieses Zusammenspiel gelingt – entsprechend gut oder weniger gut ist somit die Occupational Performance. Während die  Handlungswissenschaft versucht menschliche Handlung und deren Bedingungen zu erfassen und erforscht was “Occupational Performance” ausmacht, nutzen unterschiedliche Prozessmodelle in der Ergotherapie „Occupational Performance“ als Outcome. Ziel in der Ergotherapie ist es schließlich das Zusammenspiel dieser drei Komponenten zu fördern. Das kann durch Funktionsverbesserung oder Stärkung der Handlungsidentität und Handlungsrollen (Person), Hilfsmittel oder Eröffnung von Handlungsräumen (Umwelt) und Veränderungen der Betätigungen sowie Handlungen stattfinden. Die Handlungswissenschaft unterstützt Ergotherapeut:innen dank handlungswissenschaftlichen Konzepten im Praxisalltag dabei, ihr ergotherapeutischen Tun im Hinblick auf Person, Umwelt und Handlung zu begründen und nachvollziehbar zu machen. Kannst Du das in Deinem Praxisalltag so erleben und diese Aussage somit bestätigen?

Ob die drei Faktoren Person, Umwelt und “Occupation” zusammenpassen bezeichnet das Konzept “Occupational Fit”. Je besser die Passung zwischen diesen Faktoren ist, desto besser der “Occupational Fit”: das bedeutet, dass eine Person in einer bestimmten Umgebung eine gewünschte Aktivität erfolgreich durchführen kann. Es passt einfach: Man hat das Gefühl am richtigen Ort das richtige erfolgreich zu machen – ein Gefühl, was oft als „Mastery“ beschrieben wird und einen erkennen lässt, dass man bedeutsame Betätigungen oder Handlungen erfolgreich ausführt. Dies kann sich über die Lebenspanne hinweg oder durch Veränderung einer oder mehrerer dieser Faktoren allerdings ändern: Während „am Sonntag ausschlafen“ als bedeutsame Aktivität gut in die Lebenssituation eines Teenies passt, wird dies im individuellen Alltag von Erwachsenen oft weniger “erfolgreich” ausgeführt.

Abb. 1 Determinanten von Gesundheit, Fonds Gesundes Österreich nach Dahlgren, G., Whitehead, M. (1991)

Aus Sicht der Occupational Science steht somit das Tätigsein in Wechselwirkung mit Umwelt und persönlichen Aspekten – und beeinflusst somit auch unsere Gesundheit. Handlungswissenschaftler:innen erforschen daher menschliche Handlung und deren Bedingungen sowie Menschen als Handelnde, um diese komplexe Wechselwirkung belegen zu können. In unserem Blogbeitrag zu Covid-19 und Occupational Science könnt Ihr nochmal genau nachlesen, welche Konzepte die Occupational Science in der Vergangenheit entwickelt hat, um den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Tätigsein zu beschreiben. Die Fülle an Konzepte spiegelt die Komplexität wider.
Zudem wird der Aspekt Umwelt auch im Bereich Gesundheitsförderung beleuchtet und fließt in die Betrachtung zur Gesundheit mit ein. Da sind z.B. die Determinanten von Gesundheit (Abb. 1: Fonds Gesundes Österreich nach Dahlgren, G., Whitehead, M. (1991)) von Bedeutung: sie bilden eine Mischung aus Umweltfaktoren und personenbezogenen Faktoren ab – Findest du den Faktor “Occupation” in diesem Konzept? Ist Occupational Science hier anschlussfähig? 

Quellenangabe

Grajo, L., Boisselle, A., & DaLomba, E. (2018). Occupational adaptation as a construct: A scoping review of literature. The Open Journal of Occupational Therapy, 6(1), 2.

Law, M., Cooper, B., Strong, S., Stewart, D., Rigby, P., & Letts, L. (1996). The person-environment-occupation model: A transactive approach to occupational performance. Canadian journal of occupational therapy, 63(1), 9-23.

Reed, K. L., & Sanderson, S. N. (1999). Concepts of occupational therapy. Lippincott Williams & Wilkins.

Weise, A., Thalmann, M., Müller, E., Mosimann, Ch., Matter, B., Gantschnig, B.(2011). Resultate der Arbeitsgruppe Terminologie (Dezember 2011). Heruntergeladen von http://www.ergotherapie.ch/resources/uploads/Projekte/AGTerminologie_Tabelle_def.Fachsp rache.pdf am 22.10.2013

Wilcock, A. A. (1998). Reflections on doing, being and becoming. Canadian Journal of Occupational Therapy, 65(5), 248-256.

Wilcock, A. A. (2006). An occupational perspective of health. Slack Incorporated.

Whitehead, M., & Dahlgren, G. (1991). What can be done about inequalities in health?. The lancet, 338(8774), 1059-1063.

Kommentar verfassen